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Samstag, 07.02.2009

Dortmund, Messe JAGD UND HUND

Prof. Dr. Karnowsky, Dortmund

 

 

Wieder haben sich einige Hallen in ein gigantisches Reisebüro verwandelt. Die Besucher könnten meinen, sie seien in Dortmund auf einer der größten Tourismusmessen.

Ein Streiflicht von gestern: Bad Driburg

In Bad Driburg – so las ich es gestern auf der Messe – kann ab sofort eine Mischung von Jagdvoyeurismus und Wellness gebucht werden:

Prof. Dr. jur. Wolfgang Karnowsky

Das Wellnesspaket kann für die besser Hälfte zur äußeren Schönheit gewählt werden, der Mann kann oder soll währenddessen die einheimischen Jäger beim Jagen und Töten begleiten und z. B. mit einem Jäger auch einen Teil der Nacht auf dessen Hochsitz verbringen, ehe der begeisterte Jagdvoyeurist sehr spät zur zwischenzeitlich sicher dank Bad Driburg verschönten Partnerin ins Wellnesshotel zurückkehren wird. (Quelle: Bad Driburg Touristik GmbH oder www.bad-driburg.com: dort auf der ersten Seite den Suchbegriff Waidmannsheil eingeben).

Diese kleine, freundliche Kurstadt im Teutoburger Wald hat sich für die Messe einen makabren Marketing-Satz einfallen lassen, um gleich noch die Gäste auf die kommende 2000-Jahrfeier der hiesigen Varus- und Cherusker-Schlacht – also jetzt in 2009 - einzustimmen:

„Vor 2000 Jahren vertrieben germanische Stammesverbände die Römer aus dem Teutoburger Wald. Heute wird in den Wäldern Bad Driburgs nur noch das Wild gejagt.“

Im zweiten Teil meines Beitrages werde ich den Messebogen vom Teutoburger Wald sehr weit noch nach Kamtschatka in Sibirien ziehen.

Das Messespektakel mag geprägt sein von Zuwächsen: Mehr Besucher, mehr Aussteller und mehr vermietete Nettofläche als je zuvor in der Geschichte von JAGD & HUND. Aber davon unbeeindruckt kämpfen wir alle hier und in Zukunft weiter für eine jagd- und jägerfreie Natur. Schon an der ersten jagdkritischen Kundgebung hier in Dortmund 1988 - damals von der Partei „Die Grünen“ mitgetragen, ja noch aktiv mitgestaltet; diese Partei fehlt hier seit langer Zeit - nahm ich als Dortmunder Mitbürger und Jurist teil und lasse mich von den 640 Ausstellern und den rund 75.000 Besuchern auch nach meinem nun schon 21 Jahre währenden Protest gegen diese Messe in Dortmund nicht entmutigen. Denn es gibt für mich noch immer keine ethische und ebenso keine ökologische Begründung der Jagd. In einem naturnahen Wald, gibt es keine Schäden. Tiere stören nicht und ihre sog. Schäden gehören zum Ökosystem; wirkliche Fachleute sagten mir: zur natürlichen Waldentwicklung.

Im letzten Jahr wurde ich hier auf der Kundgebung gegen diese Messe wegen unserer vielen Heuss-Plakate von Jägern nach der Quelle für das bekannte Zitat von Theodor Heuss gefragt. Ich habe die genaue Quellen kürzlich dank Studiendirektor Kurt Eicher aus Heilbronn im Original nachlesen können. Das Zitat ist wirklich korrekt.

Der erste Präsident der Bundesrepublik Deutschland, Theodor Heuss, schrieb am 1.12.1955 an seine Briefpartnerin Frau Toni Stolper in New York:

„Zur `Jagd´ dies: Jägerei ist eine Nebenform von menschlicher Geisteskrankheit, von der ich nie befallen war. ..... Auch Diplomaten und Staatsmänner, die dafür gelten, die sich dafür halten, sind davon befallen. Ich habe nie eine Flinte in die Hand genommen…………“

Theodor Heuss: Tagebuchbriefe 1955-1973, hg. von Eberhard Pikart, Tübingen/Stuttgart 1970, Seite 106.

Theodor Heuss hatte vorige Woche seinen 125. Geburtstag (31.01.1884). An dessen Geburtsort in der Nähe von Heilbronn erinnerte Bundespräsident Köhler kürzlich an diesen sensiblen, klugen Politiker. Noch besser wäre es, wenn das Bild von Theodor Heus in der Öffentlichkeit in weiten Kreisen auch um diesen jagdkritischen Akzent erweitert wird!

Einige Anmerkungen heute über das hier schon Gesprochene hinaus: Die JAGD & HUND feiert sich in dieser Woche am Messeportal als „ein Erlebnis- und Einkaufsparadies für Jäger, Angler und Naturfreunde“; man höre und staune über diesen Zynismus.

A. Mein erstes Stichwort heute: Naturfreunde?

Ich verweise heute wie schon vor 22 Jahren auf die 1986 unter Berufung auf eine Studie von Wissenschaftlern der Universität Bonn, was noch immer nachgelesen werden kann, in der Nähe von Köln gegründete„Initiative jagdgefährdeter Haustiere“ (Internet: www.ijh.de), die mir kürzlich mitteilte, es habe sich in 22 Jahren nichts geändert.

Die Zahlen der von Jägern getöteten Hunde und die der getöteten Katzen sind schockierend und das alles, weil sich diese Tiere angeblich gem. § 25 Abs. 4 Landesjagdgesetz NRW 200 m vom nächsten Haus bewegten und deshalb als Jagdkonkurrenten einfach beseitigt werden durften oder noch dürfen.

Heute fordere ich hier wieder wie jedes Jahr in Dortmund eine „Natur ohne Jagd“, und zwar aus mindestens vier Gründen:

1. weil die Jagd nie ein Mittel zum „artenreichen Wildbestand“ ist (so aber irrtümlich jener unbewiesene § 1 Abs. 2 Bundesjagdgesetz), ferner

2. weil, die Hege und Ökologie von Fauna und Flora nie diese Form der Regulierung von möglichen Überpopulationen durch die Jagd fordern (Verbissschäden sind eher die Folge der Jagd; viele Fachwissenschaftler urteilen so) und

3. weil, nie Jagdgegner unter den Grundeigentümern, die ihre Flächen nicht bejagen lassen wollen, gegen ihr Gewissen gesetzlich zur Jagd-Duldung gezwungen werden dürfen. Die §§ 7 ff BJagdG verstoßen gegen die Menschenwürde (Art. 1 GG), die Eigentumsgarantie (Art. 14 GG) und den neuen Art. 20 a GG. Das BJagdG ist in weiten Teilen nichtig. - und jetzt schließt sich der Kreis zu der schon genannten Initiative jagdgefährdeter Haustiere -

4. weil nie wieder Hunde und Katzen, die sich etwas vom Haus entfernt haben, allein deswegen abgeschossen werden dürfen. § 25 Landesjagdgesetz NRW über das Töten von Haustieren durch Jäger ist zu überarbeiten. Seit ca. 25 Jahren existiert der für tausende Bürger existentiell notwendige Tiernotruf TASSO in Frankfurt für vermisste Tiere. Was schreiben Jäger auf Ihre Homepage (Z. B. www.suew-jaeger.de):

Es werde davon abgeraten, an eine so nützliche und effizient arbeitende Organisation wie TASSO zu spenden, nur weil TASSO auf ihrer website (www.tiernotruf.org) als erstes auch uns hier von der "Abschaffung der Jagd" verlinkt hat.

Sind Jagdhunde nicht gechipt oder tätowiert und gehen mal verloren?

Es ist ja wohl mehr als verständlich, dass jede mitdenkende verantwortungsvolle Tierschutzorganisation gegen die Jagd eingestellt ist. Was bei einem Zentralen Haustierregister wie TASSO überdies nicht verwundert, wenn man bedenkt, wie viele Tiere, z. B. Katzen tagtäglich verschwinden (300 000 jährlich), verzweifelt von ihren Besitzern gesucht werden und wovon ein Großteil sicher auf das Konto der Jägerschaft geht. Katzen, die erschossen werden, in Fallen sterben oder wie die Jäger verharmlosend sagen „verenden“ und dann von den Jägern dann sang- und klanglos klammheimlich als unnützes Raubzeug (so schon das Unwort bei Reichsjägermeister Hermann Göring!) verscharrt, als Luder ausgelegt, an Greifvögel verfüttert werden oder denen das Fell abgezogen und als Rheumadecke verscherbelt wird: Tätowierung und Mikrochip hin oder her. Gnadenlos!

B. Mein zweites Stichwort heute: Das Groß-Reisebüro Westfalenhallen

1. Auslandsjagd

Einer der perversesten, dekadentesten und fragwürdigsten Auswüchse der Hobby- und Spaßjagd ist der Jagdtourismus, der das oft gebrauchte Wort vom "Heger und Pfleger" ins Licht der Realität rückt oder zur Kenntlichkeit entstellt. Bei derartigen Auslandsjagden, sei es in Afrika, Südamerika oder osteuropäischen Ländern wird finanziell potenten Jägern die Möglichkeit geboten, im Ausland teils artengeschützte Tiere zu töten. Diese Form der Jagd entbehrt jeglicher auch nur annähernd moralischer Rechtfertigung wie Bestandskontrolle und Nahrungsbeschaffung. Sie dient ausschließlich dem Trophäenkult, der Befriedigung der Jagdlust, kurz der Lust am gezielten Tiermord und der Befriedigung niederer, allerniederster Tötungsinstinkte!

Nach wie vor werden in Deutschland solche Jagdreisen für den organisierten Tiermord zum Vergnügen angeboten: Einige wenige Preisbeispiele aus Halle 5: So kostet bei Jagdreisen nach Afrika der Abschuss: Zebra EUR 565,00 - Streifengnu EUR 785,00 - Warzenschwein EUR 335,00 Schakal EUR 30,00 Pavian EUR 265,00 Stachelschwein EUR 265,00 Leopard EUR 2.500,00 Gepard EUR 2.050,00 usw.

Beispiele für Russlandreisen :

a) Erster Braunbär in Kamtschatka (Sibirien) - mal nicht nur nach Bad Driburg in den Teutoburger Wald - pro Jäger inklusive aller Lizenzen und Genehmigungen für die Jagd; Rohpräparation der Trophäen sowie Verpackung für Rücktransport; Getränke und Spirituosen (begrenzt) im Jagdrevier; plus Abschuss von 1 Elch (unlimitiert in Größe und Gewicht) US $ 8.450,00 b) Der zweite getötete Braunbär nur noch: US $ 4.000,00 Zweiter Elch US $ 4.000,00 oder : c) 15 Tage Braunbärenjagd Frühjahr oder Herbst US $ 11.500,00.

Das war der geographische Bogen zu dem Eingangsbericht über Bad Driburgs neue Jagdtouristen.

2. Ausländische Jäger in Deutschland oder Jagdtourismus nach Deutschland

Im Gegenzug ist auch der Jagdtourismus nach Deutschland zu unterbinden. Sinnvolle Jagdeinschränkungen und -verbote in anderen europäischen Ländern wie den Niederlanden, Belgien, Luxemburg und der Schweiz (Beispielhaft einige Kantone) , haben zu einem massiven Jagdtourismus nach Deutschland geführt. So können beispielsweise Niederländer in Gebieten von Rheinland-Pfalz immer öfter bei organisierten Jagden gegen Bezahlung ihrem Hobby nachgehen. Der beispielsweise aus Antwerpen angereiste Belgier hat bei einer derartigen Jagd in der Eifel oder im Sauerland in der Regel keinerlei Interesse an einem selektierenden ökologischen Vorgehen, sondern möchte für seine Euros ein kapitales Tier erlegen und zu Hause vorzeigen.

Verwerflich ist aber insbesondere die Tatsache, dass auch staatliche Stellen um des Geldes willen solche Jagden ausschreiben, wobei die Tötung der Tiere ohne ökologische Grundlage nur nach dem Prinzip der Trophäenjagd stattfindet und die Behörde wiederum billigend in Kauf nimmt, dass gerade unsere ökologischen Strukturen aus fehlendem Interesse und auch fehlender, ungeprüfter Sachkenntnis der ausländischen Jäger zerstört werden.

So wird Töten zum Urlaubshobby und bleibt es noch dank starker Lobby!

Ich fordere heute:

- Verbot der Werbung und des Angebots von Auslandsjagden!

- Untersagung des Jagdtourismus nach Deutschland!

- Bei Teilnahme an Auslandsjagden auch die Möglichkeit einer Bestrafung wegen aller Verstöße gegen das Tierschutzgesetz wie bei allen anderen Straftaten deutscher Staatsangehöriger im Ausland (§§ 4 ff. StGB)!

 

 

Samstag, den 12.7.2008 Beitrag von Prof. Dr. Wolfgang Karnowsky, Dortmund

81. Kundgebung für eine Natur ohne Jagd in Kassel auf dem Königsplatz

Jedesmal nach unseren eindrucksvollen Kundgebungen für eine Natur ohne Jagd habe ich noch lange unseren lautstarken Sprechchor im Ohr: Jagd und Jäger ins Museum!

Wegen unserer zentralen Forderung „Jagd und Jäger ins Museum“ dachte ich bei Nennung unserer heutigen Kundgebungsstadt Kassel an ihre Museen oder großen Ausstellungen. Ich werde daher auf die „documenta“ Kassel eingehen, um von der Ausstellungs-Ästhetik den mir gebotenen Blick auf die Ethik unseres Anliegens zu lenken.

Kassel mit seiner Kunstausstellung „documenta“ steht seit geraumer Zeit fast als Synonym für „zeitgenössische Kunst“ da, wie in jedem Bericht aus Kassel zu diesem Thema zu lesen ist.

Die documenta gilt als die weltweit bedeutendste Ausstellung für zeitgenössische Kunst. 500 Werke von mehr als 100 Künstlern aus aller Welt werden im Schnitt gezeigt. Sie findet alle fünf Jahre in Kassel statt; die nächste documenta Nr. 13 kommt 2012.

Motivation für diese Ausstellung ist eine Ästhetik in Bewegung, ein Großmuseum für neues Sehen - wie die Veranstalter sagen. Das ist ein guter Gedanke, gerade Unbekanntes und Innovatives dem breiten Publikum - so ein Katalog - zu zeigen.

Ähnliches wollen wir heute in Kassel aber auch erreichen. Nur statt um Ästhetik, geht es uns um eine neue Ethik, denn auch diese ist in Bewegung. Wir wollen hier in Kassel auch Innovatives benennen. Schließlich ist eine „Natur ohne Jagd“ vielen Kasselern noch fremd, wie sicher auch manches documenta-Kunstwerk. Ja, auch uns geht es um ein neues Sehen!

Ethik in Bewegung, statt Kunst in Bewegung! Nur mit dem Herzen sieht man gut, heißt ein schon zur Alltagsmünze strapaziertes Dichterwort. Für unsere heutige Demonstration in Kassel passt es sicher.- Zwar kamen 750.000 Besucher zur 12. documenta 2007 nach Kassel, aber diese enorme Zahl lässt uns hier und heute in Kassel nicht kleinlaut werden. Ich jedenfalls komme auch oder gerade wegen der Ethik nach Kassel! Unsere Botschaft ist klarer als die mancher Künstler der documenta. Der notwendige Beitrag der Kunst zur Verbesserung der Welt erschließt sich mir hier nicht immer; anders aber unsere heutige eindeutige Kundgebung!

Belesene Ästhetik-Kenner wissen alle, dass ein röhrender Hirsch oder Rehe auf einer Waldlichtung als die Paradebeispiele überhaupt für absolut schlechten Kunstgeschmack, ja als Muster schlimmsten Kitsches herhalten müssen. Die armen Hirsche und Rehe! Ein solches typisches Lehrbuch der Ästhetik mit Hirschbildern habe ich heute bei mir.

Von diesen Hirschbildern wendet sich jeder documenta Besucher ab mit Grausen. Die Sachlage ist aber komplizierter. Warum?

Nehmen wir heute in Kassel diese sog. Kitsch-Bilder von den prächtigen Hirschen oder Rehen als radikale Widerstandsbilder und nennen sie schlicht Motive für unseren Kampf. Damit sind wir ethisch jeder künftigen documenta weit voraus im neuen 21. Jahrhundert angekommen. Sie sehen: Das Schöne, Gute und Wahre gibt es nicht so einfach im Dreierpack.

Zum Kitsch-Begriff noch ein kleiner Rückblick von Kassel nach Dortmund:

Viele von Euch Demonstranten waren im Februar in Dortmund wegen Europas größter Jagdmesse. Ich lebe und arbeite in Dortmund und kenne die Messe besonders gut. Dort gibt es dann fünf Hallen mit endlosem Gruselkitsch: Jagdmotive auf Krawatten, Tassen, Gürteln, Hemden, Jacken, Schreibzeug, Taschen usw. Dortmund ist also einmal im Jahr eine Woche Hauptstadt des europäischen Gruselkitsches! Wir kämpfen gegen ein steinzeitliches Jagdvergnügen im 21. Jahrhundert! Die Kasseler documenta nennt sich richtigerweise zeitgenössisch. Zeitgenössisch ist aber auch unsere Ethik, weil nur sie auf der ethischen Entwicklungsstufe unserer Zeit ist. Unsere Ethik hat Zukunft, weil die Jagd - wie meine Vorredner bewiesen haben - mit zwingenden Argumenten ins Museum gehört; am besten ins große Kasseler Brüder-Grimm-Museum zu den dortigen „Es-war-einmal-Geschichten“! Es steht gleich hier um die Ecke und ist für Besucher heute offen. - Schafft die Jagd ab!

 

 

80. Demonstration »Natur ohne Jagd« in Mainz - mit Vertretern von über 20 Tier- und Naturschutzorganisationen – 7. Juni 2008  Ansprache von Prof. Dr. Karnowsky

1. Der Jäger aus Kurpfalz

Heute bei einer Kundgebung hier in Rheinland-Pfalz für eine Natur ohne Jagd denke ich an jenes, zwar von der Melodie her schöne, aber sonst unsägliche Lied, dass sich leider noch immer großer Verbreitung erfreut. Für den Kanzler Helmut Kohl sangen es chinesische Kinder in Peking auf Deutsch, weil Kohl ja aus der Pfalz kommt: Der Jäger aus Kurpfalz. Der damalige Bundeskanzler soll ganz ergriffen gewesen sein und dessen Dank klang dann so, als sei das Lied die hiesige Mainzer Landeshymne.

Diesem Nimrod, dem Jäger aus Kurpfalz, der unablässig jagte und tötete, worüber es noch Aufzeichnungen gibt, wurde von dem ständig jagenden Kaiser Wilhelm II. hier in unserer Nähe im Hunsrück - westlich von Mainz ausgesehen - bei Simmern mit einer pompösen Einweihungsfeier vor knapp 100 Jahren sogar noch ein Denkmal (Jörg von Uthmann, Es steht ein Wirtshaus an der Lahn, 2. Aufl., Hamburg 1979, S. 306f.) gesetzt. Mit der Kurpfalz ist ein Landesteil jenes Bundeslandes gemeint, dessen jetzige Hauptstadt unser Kundgebungsort ist: Mainz. - Im Lied heißt es gruselig oder anders ausgedrückt: Idylle in giftgrün oder blutigrot:

Ein Jäger aus Kurpfalz, der reitet durch den grünen Wald und schießt das Wild daher

gleich wie es ihm gefällt.

Juja, juja, gar lustig ist die Jägerei

allhier auf grüner Heid, - allhier auf grüner Heid. allhier auf grüner Heid. (Quelle: Das Volksliederbuch, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1993, S. 143)

Gegen diesen moralischen Schutt in unserer Liedtradition wehre ich mich. Der Text tut weh. Ich habe nach vielen Jagdberichten den Eindruck, dass viele Jäger, so wurden uns hier auch von kompetenten Rednern mit drastischen Beispielen belegt, noch heute ähnlich denken oder fühlen - „gar lustig ist die Jägerei“ - wie jener Pfalzgraf Johann Kasimir, der in der Barockzeit mit der bezeichnenden Regierungsform Absolutismus den üppigen Wildbestand des Hunsrück und anderer Teile der Pfalz fast täglich mit seiner Jagdmeute heimsuchte. – Aber es gibt ja jetzt uns, die Bewegung für eine Natur ohne Jagd!

2. Bad Dürkheim und die Lobby

Noch ein zweiter geographischer und historischer Bezug zu den inhaltlichen Themen meiner Vorredner soll ganz knapp folgen:

Etwas südlich von hier in der Pfalz liegt Bad Dürkheim. Hier wurde im Jahre 1949 der nach dem ADAC größte Lobbyverband Deutschlands, unser Gegner gegründet: Der deutsche Jagdschutzverband (DJV) mit jetzt über 300.000 Mitgliedern. Was war geschehen? Nachdem die deutschen Jäger am 8. Mai 1945 waffenlos wurden, gründeten sie vor allen anderen deutschen Vereinen in den jeweiligen Besatzungszonen sogleich regionale Verbände, die sich dann nach der Staatgründung 1949 zu einem Dachverband hier in Rheinland-Pfalz vereinigten. Dort auf dem Kongress ging es nicht etwa um den Verbiss am deutschen Wald oder Ökologie, sondern um primär ureigene Jagdinteressen, die gegen den Staat durchgesetzt werden sollten – eben die typische Lobbyarbeit. Da ist dieser DJV bis heute unübertroffen. - Als Fußnote der Jagdhistorie: Das Personal der Lobbyisten in Bad Dürkheim 1949 stammte - wie ein jagdfreundlicher Autor kritisch belegt hat (Hespeler, Bruno, Jäger wohin? München 1990, S. 53f.) - aus dem Hermann-Göring-Kreis der Alt-NS-Jagdlobbyisten - Kontinuität pur. Das hat ja auch schon im anderen Zusammenhang der Jurist Dominik Storr in seinen Ansprachen belegt. Geschickt, wie diese Lobbyistengruppen eben sind, hat dieser hier in Bad Dürkheim vor 60 Jahren gegründete Verein etwas Zynisches neu ins Vereinsprogramm aufgenommen: „im Rahmen der Aktion "Lernort Natur" laden künftig Jäger Schüler und Jugendliche in ihre Reviere ein, um ihnen die Zusammenhänge in der Natur näher zu bringen“. Lobbyisten lernen dazu! Wir werden heute und auch in Zukunft dagegen halten!

 

 

Bamberg, 5. April 2008

77. bundesweite Demonstration für eine »Natur ohne Jagd«

Grußwort Prof. Dr. iur. W. Karnowsky, Dortmund für die Hans-Rönn-Stiftung - Menschen f. Tiere, Düsseldorf und heute auch als Sprecher für PAKT e.V., Düsseldorf

Warum bin ich heute über 400 km gefahren, um den hier versammelten ca. 1000 bayerischen Jägern in Bamberg meine Meinung zu sagen? Die Empörung trieb mich nach Bamberg!

A. Die Amtskirche und die heutige Messe im Dom

Mich empört die sog. Hubertusmesse im Kaiserdom von Bamberg gleich um 18.00. Da fällt mir, dem hauptberuflichen Strafrechtler immer wieder der § 167 Abs. 1 Nr. 2 StGB ein:

Danach darf niemand in einer Kirche „beschimpfenden Unfug verüben“ – so das Gesetz wörtlich. Der Paragraph will im - rechtsgeschichtlich dokumentierten - Ergebnis die frühere Straftat Gotteslästerung, die so genannte Blasphemie in einem Gotteshaus verhindern. Beispiele aus der Rechtsprechung sind: Vorlesen von Pornographie, Aufbehalten des Hutes und vieles mehr.

Ich meine, dass zwar die Staatsanwälte das hier in Bamberg sicher anders sehen werden, aber für mich bleibt die Hubertusmesse als Messfeier des Jagdglücks und Lobpreisung jedweder Jagd etwas Urheidnisches, was sicher dem wahren Christengott als zutiefst gotteslästerlich erscheinen wird.  

Die Jagdmesse heute im Dom ist „beschimpfender Unfug“ im Sinne von § 167 StGB:

Woran konkret?

Am echten, wahren Ur-Christentum, der Kernbotschaft Jesu Christi: Tod und Leiden vermeiden!  

Die heutige Messe im Dom um 18.00 mit dem Hauptteil der in Bamberg versammelten 1000 bayrischen Jäger, einem großen Jagdhornchor aus Schweinfurt rund um den Altar und mit der jagdstolzen CSU-Prominenz aus München ist für mich reinste Blasphemie!

B. Bambergs größter Sohn – bis heute jedenfalls 

Der Schriftsteller Karlheinz Deschner ist gebürtiger Bamberger (Jg. 1924), er ging hier gleich nebenan zur Schule, machte in Bamberg sein Abitur und lebt jetzt ganz in unserer Nähe. Aus Altersgründen kann er heute nicht mit uns hier für eine „Natur ohne Jagd demonstrieren. Von ihm gibt es die bekannten zehn umfangreichen Bände „Kriminalgeschichte des Christentum“, die ich ohne jede Übertreibung nicht nur als eine gewaltige Lebensleistung werten kann, sondern die auch geniale Meilensteine jedweder historischen Forschung bleiben werden. Über den Titel könnte man streiten: Er könnte oder sollte auch lauten:

Kriminalgeschichte des Amts-Christentums.

Ferner muss ich noch anmerken, dass es sicher auch eine Kriminalgeschichte des Atheismus gibt, wenn wir insbesondere an das letzte Jahrhundert denken. Wenn ich Kraft und Zeit hätte, würde diese einmal schreiben. Das legitimiert aber nicht schon die Hubertusjagdmessen haltende Amtskirche zur moralischen Selbstzufriedenheit, wenn Atheisten auch böse sein können.

Wie hier bei Deschner Mechanismen unmoralischer Machtausübung dargelegt, der krasse Widerspruch zwischen einer hehren Theorie und einer korrupten Praxis herausgearbeitet werden, wie mit dem Mittel beißender Ironie die inhumane Verkommenheit einer Amtskirche oder der selbst ernannten Vertreter Gottes auf Erden bloßgelegt wird – das ist ganz große Literatur.                                                                  

Aus Zeitgründen lese ich die markanten Stellen zu unserm heutigen Jagdthema aus dem Werk des Jagdkritikers Deschner ohne Sinnentstellung verkürzt vor.

I. Zitat Nr. 1

In dem in Bamberg 1998 wieder neu gedruckten (autobiographischen) Roman Deschners von 1956 ein sind einige Sätze hier auf dem Markplatz zu verlesen. Hinweis am Rande: Ich kenne sonst keinen deutschen Roman, der die Jagd anprangert.

Nennt jemand von den vielen Zuhörern hier mir einen solchen Roman, gebe ich unten in jene Spendendose am Bücherstand 100 €! - Eine Anmerkung noch zum Verständnis des folgenden Textes: Deschner ist Sohn eines hiesigen Försters und trat zunächst in die Fußstapfen seines Vaters und ging daher mit zur Jagd.

Ich lese nun vor:

Karlheinz Deschner, Die Nacht steht um mein Haus (1956); unveränderter Nachdruck hier benutzt: Bamberg: Kleebaum Verlag, 1998, S. 82:  

…erst seit ich krank wurde, habe ich das Leben schätzen gelernt. Ich bin nicht mehr auf die Jagd gegangen, ich wollte kein Tier mehr töten, ich sah die Welt voll Tod, und ich wollte nicht diesen Tod vermehren.

Ich wollte selbst leben, und ich habe mir gedacht, dass jedes Tier ebenso gerne leben will wie ich, und ich glaube, dass das recht gedacht war, und ich glaube, dass mir niemand widersprechen wird, und ich glaube, dass wir kein Recht haben, die Tiere zu töten, es sei denn, das Recht der Gewalt

Anmerkung: Dieser Text ist schon 52 Jahre alt. Wie wirkt er frisch!

Jetzt ein weiterer Text aus Deschners Arbeiten.

II. Zitat Nr. 2

Diesmal habe ich von Deschner aufgeschlagen: „Für ein Bissen Fleisch“, Aksu-Press, Bad Nauheim 1998 

Hier auf S. 32 wird ein längeres Gespräch geschildert: Ein Bekannter bestellt im Beisein Deschners „Reh“ im Lokal. Dabei sagt die Person, „kann man doch essen, von wegen „Ethik“, denn Rehe gefährden unseren Wald…“.

Deschner brachte die Gegenargumente, - er hat ja als Förstersohn zuerst Forstwissenschaft studiert, wie ich schon erwähnte - wie wir sie heute und hier von vielen informierten Rednern vor mir hörten. Der „Mitesser“ blieb völlig unbelehrbar und bestellte dann „Hirsch“…….

Aus Zeitgründen kann ich nicht das Ende der Geschichte hier auf dem Bamberger Marktplatz mehr vorlesen.

Das zitierte Buch ist sehr empfehlenswert: Für ein Bissen Fleisch – Treffender Untertitel bei Deschner: Das schwärzeste Verbrechen, - weil Tiere sich - im Ergebnis - nie wehren können……auch nicht bei der Jagd.......... 

Für eine „Natur ohne Jagd“! - Ich lade Sie heute schon ganz herzlich zur 78. Kundgebung für eine „Natur ohne Jagd“ am 3. Mai 2008 - wieder ein Samstag - nach Frankfurt ein.

Danke für Ihre Geduld!

 

 

Rede von Roland Dunkel, Anti-Jagd-Demo am 5.4.2008 in Bamberg

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer! 

„Jäger im Ehrenamt für Natur und Gesellschaft“ so lautet das Motto der Landesjäger-Tagung, die an diesem Wochenende hier in Bamberg stattfindet. 

Nun mögen Jäger ihr blutiges Vergnügen durchaus als eine ehrenvolle Aufgabe betrachten. Jäger mögen auch ganz fest daran glauben, dass sie ein Ehrenamt begleiten – verliehen von Natur und Gesellschaft, wenn sie feige aus dem Hinterhalt auf friedliche Tiere schießen, Fallen aufstellen, mit Bleischrot die Umwelt vergiften, usw.  

Es ist heute nicht unsere Aufgabe herauszufinden, wer oder was für dieses Krankheitsbild verantwortlich ist, woher sie denn kommen, die seelischen Störungen. Vielmehr gilt es darauf hinzuweisen, dass dieses Motto „Jäger im Ehrenamt für Natur und Gesellschaft“ nicht das Geringste mit der Wahrheit zu tun hat. Schon mancher Bock hat sich zum Gärtner gemacht, ein Ehrenamt dafür wurde bisher aber noch keinem verliehen! Die Natur jedenfalls, wenn sie es denn könnte, würde den auf Hochsitzen lauernden, mit modernen Waffen ausgestatteten, manchmal nach Alkohol riechenden „Möchtegern-Ersatzwölfen“ niemals ein Ehrenamt verleihen. Noch dazu, wo doch die Natur uns Menschen immer wieder zu verstehen gibt, dass sie uns eben nicht braucht - insbesondere Jäger nicht braucht. Jagdfreie Gebiete unterstreichen dies eindrucksvoll! 

Und wie sieht es aus mit der Gesellschaft? Die Mehrheit der Bevölkerung lehnt die Jagd ab. Auch das hört sich nicht nach „Ehrenamt“ an, eher wie eine schallende Ohrfeige für die Jägerschaft! 

Das Motto der Jägerveranstaltung reiht sich also mühelos in die lange Märchenliste der Jäger ein. Doch das ist nichts besonderes, das hat Tradition. So werden sich die Flintenökologen auch heute und morgen bei ihren Fachsimpeleien und Beratungen neue Rechtfertigungsversuche für ihre Lust ausdenken.

Und wer weiß, vielleicht hilft ihnen die Kirche dabei. Unchristlichkeit als Voraussetzung dafür, wäre auch in dieser Organisation zweifelsohne vorhanden. Denken wir nur an die heute Abend, hier in Bamberg, stattfindende Hubertusmesse. Denn wer will schon ernsthaft damit rechnen, dass  heute Abend, sozusagen im Lichte der katholisch-kirchlichen Botschaft, die Wahrheit erstrahlen wird?  Die Wahrheit als ein wesentlicher Bestandteil der kirchlichen Verkündungsebene.

Pfarrer Kühn, der die Jägerinnen und Jäger willkommen heißen und segnen wird,  müsste sich dann ungefähr so anhören: Ihr Jägerinnen und Jäger, macht es wie der Hl. Hubertus, hört auf mit dem Jagen! Ihr tötet Mitgeschöpfe aus völlig niederen Beweggründen. Ihr tötet sie nämlich aus Lust, aus Spaß, aus Leidenschaft! Das Töten ist euer Hobby! Es bereitet euch den besonderen „Kick“! Dieses Lusttöten aber, bedeutet für einen Großteil der bejagten Tiere einen qualvollen Tod! Sei es durch eine Falle, oder dadurch, dass angeschossene Tiere tagelang mit dem Tode ringen. Mit euren Gewehren zerreißt ihr Familienbanden. Ihr versetzt Tiere in panische Angst, wenn ihr Treibjagden veranstaltet oder eure Jagdhunde in Bauten und Höhlen hetzt, damit sie Tiere vor euch und euren schussbereiten Flinten zwingen! Durch Fütterungen sorgt ihr  für  hohe Wildbestände und somit für zahlreiche Trophäen, mit denen ihr dann euere Häuser schmückt!  Aber ihr tötet nicht nur, ihr belügt auch die Öffentlichkeit, indem ihr eure leid- und todbringende Leidenschaft mit der Erhaltung eines natürlichen Gleichgewichtes zu verschleiern versucht. Hört endlich auf damit! Ihr Jägerinnen und Jäger, macht es wie der Hl. Hubertus! Hört endlich auf damit! 

Meine Damen und Herren, die Wahrheit würde die Hubertusmesse zu dem aufwerten, was sie eigentlich auch sein sollte, nämlich ein Strahl aus dem großen Licht der Botschaft Christi. Ähnlich wie das Kreuz, das dem Heiligen Hubertus zwischen dem Geweih eines Hirsches erschien, sollte sie in die Lebenswirklichkeit hineinleuchten und die Hobbyjäger im 21. Jahrhundert zur Umkehr bewegen. Niemand brauchte dann mehr einen Gedanken an eine Abschaffung der Hubertusmesse verschwenden.

Roland Dunkel

 

Mitglieder des Arbeitskreises

Vor dem Bamberger Dom, anlässlich der Hubertusmesse