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Samstag, 07.02.2009
Dortmund, Messe JAGD UND HUND
Prof. Dr. Karnowsky, Dortmund
Wieder haben sich einige Hallen in ein gigantisches
Reisebüro verwandelt. Die Besucher könnten meinen, sie
seien in Dortmund auf einer der größten Tourismusmessen.
Ein
Streiflicht von gestern: Bad Driburg
In
Bad Driburg – so las ich es gestern auf der Messe – kann
ab sofort eine Mischung von Jagdvoyeurismus und Wellness
gebucht werden: |

Prof. Dr. jur. Wolfgang
Karnowsky |
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Das
Wellnesspaket kann für die besser Hälfte zur äußeren
Schönheit gewählt werden, der Mann kann oder soll
währenddessen die einheimischen Jäger beim Jagen und
Töten begleiten und z. B. mit einem Jäger auch einen
Teil der Nacht auf dessen Hochsitz verbringen, ehe der
begeisterte Jagdvoyeurist sehr spät zur zwischenzeitlich
sicher dank Bad Driburg verschönten Partnerin ins
Wellnesshotel zurückkehren wird. (Quelle: Bad Driburg
Touristik GmbH oder www.bad-driburg.com: dort auf der
ersten Seite den Suchbegriff Waidmannsheil eingeben).
Diese kleine, freundliche Kurstadt im Teutoburger Wald
hat sich für die Messe einen makabren Marketing-Satz
einfallen lassen, um gleich noch die Gäste auf die
kommende 2000-Jahrfeier der hiesigen Varus- und
Cherusker-Schlacht – also jetzt in 2009 - einzustimmen:
„Vor
2000 Jahren vertrieben germanische Stammesverbände die
Römer aus dem Teutoburger Wald. Heute wird in den
Wäldern Bad Driburgs nur noch das Wild gejagt.“
Im
zweiten Teil meines Beitrages werde ich den Messebogen
vom Teutoburger Wald sehr weit noch nach Kamtschatka in
Sibirien ziehen.
Das
Messespektakel mag geprägt sein von Zuwächsen: Mehr
Besucher, mehr Aussteller und mehr vermietete
Nettofläche als je zuvor in der Geschichte von JAGD &
HUND. Aber davon unbeeindruckt kämpfen wir alle hier und
in Zukunft weiter für eine jagd- und jägerfreie Natur.
Schon an der ersten jagdkritischen Kundgebung hier in
Dortmund 1988 - damals von der Partei „Die Grünen“
mitgetragen, ja noch aktiv mitgestaltet; diese Partei
fehlt hier seit langer Zeit - nahm ich als Dortmunder
Mitbürger und Jurist teil und lasse mich von den 640
Ausstellern und den rund 75.000 Besuchern auch nach
meinem nun schon 21 Jahre währenden Protest gegen diese
Messe in Dortmund nicht entmutigen. Denn es gibt für
mich noch immer keine ethische und ebenso keine
ökologische Begründung der Jagd. In einem naturnahen
Wald, gibt es keine Schäden. Tiere stören nicht und ihre
sog. Schäden gehören zum Ökosystem; wirkliche Fachleute
sagten mir: zur natürlichen Waldentwicklung.
Im
letzten Jahr wurde ich hier auf der Kundgebung gegen
diese Messe wegen unserer vielen Heuss-Plakate von
Jägern nach der Quelle für das bekannte Zitat von
Theodor Heuss gefragt. Ich habe die genaue Quellen
kürzlich dank Studiendirektor Kurt Eicher aus Heilbronn
im Original nachlesen können. Das Zitat ist wirklich
korrekt.
Der
erste Präsident der Bundesrepublik Deutschland, Theodor
Heuss, schrieb am 1.12.1955 an seine Briefpartnerin Frau
Toni Stolper in New York:
„Zur
`Jagd´ dies: Jägerei ist eine Nebenform von menschlicher
Geisteskrankheit, von der ich nie befallen war. .....
Auch Diplomaten und Staatsmänner, die dafür gelten, die
sich dafür halten, sind davon befallen. Ich habe nie
eine Flinte in die Hand genommen…………“
Theodor Heuss: Tagebuchbriefe 1955-1973, hg. von
Eberhard Pikart, Tübingen/Stuttgart 1970, Seite 106.
Theodor Heuss hatte vorige Woche seinen 125. Geburtstag
(31.01.1884). An dessen Geburtsort in der Nähe von
Heilbronn erinnerte Bundespräsident Köhler kürzlich an
diesen sensiblen, klugen Politiker. Noch besser wäre es,
wenn das Bild von Theodor Heus in der Öffentlichkeit in
weiten Kreisen auch um diesen jagdkritischen Akzent
erweitert wird!
Einige Anmerkungen heute über das hier schon Gesprochene
hinaus: Die JAGD & HUND feiert sich in dieser Woche am
Messeportal als „ein Erlebnis- und Einkaufsparadies für
Jäger, Angler und Naturfreunde“; man höre und staune
über diesen Zynismus.
A. Mein erstes Stichwort heute: Naturfreunde?
Ich
verweise heute wie schon vor 22 Jahren auf die 1986
unter Berufung auf eine Studie von Wissenschaftlern der
Universität Bonn, was noch immer nachgelesen werden
kann, in der Nähe von Köln gegründete„Initiative
jagdgefährdeter Haustiere“ (Internet: www.ijh.de), die
mir kürzlich mitteilte, es habe sich in 22 Jahren nichts
geändert.
Die
Zahlen der von Jägern getöteten Hunde und die der
getöteten Katzen sind schockierend und das alles, weil
sich diese Tiere angeblich gem. § 25 Abs. 4
Landesjagdgesetz NRW 200 m vom nächsten Haus bewegten
und deshalb als Jagdkonkurrenten einfach beseitigt
werden durften oder noch dürfen.
Heute fordere ich hier wieder wie jedes Jahr in Dortmund
eine „Natur ohne Jagd“, und zwar aus mindestens vier
Gründen:
1.
weil die Jagd nie ein Mittel zum „artenreichen
Wildbestand“ ist (so aber irrtümlich jener unbewiesene §
1 Abs. 2 Bundesjagdgesetz), ferner
2.
weil, die Hege und Ökologie von Fauna und Flora nie
diese Form der Regulierung von möglichen
Überpopulationen durch die Jagd fordern (Verbissschäden
sind eher die Folge der Jagd; viele Fachwissenschaftler
urteilen so) und
3.
weil, nie Jagdgegner unter den Grundeigentümern, die
ihre Flächen nicht bejagen lassen wollen, gegen ihr
Gewissen gesetzlich zur Jagd-Duldung gezwungen werden
dürfen. Die §§ 7 ff BJagdG verstoßen gegen die
Menschenwürde (Art. 1 GG), die Eigentumsgarantie (Art.
14 GG) und den neuen Art. 20 a GG. Das BJagdG ist in
weiten Teilen nichtig. - und jetzt schließt sich der
Kreis zu der schon genannten Initiative jagdgefährdeter
Haustiere -
4.
weil nie wieder Hunde und Katzen, die sich etwas vom
Haus entfernt haben, allein deswegen abgeschossen werden
dürfen. § 25 Landesjagdgesetz NRW über das Töten von
Haustieren durch Jäger ist zu überarbeiten. Seit ca. 25
Jahren existiert der für tausende Bürger existentiell
notwendige Tiernotruf TASSO in Frankfurt für vermisste
Tiere. Was schreiben Jäger auf Ihre Homepage (Z. B.
www.suew-jaeger.de):
Es
werde davon abgeraten, an eine so nützliche und
effizient arbeitende Organisation wie TASSO zu spenden,
nur weil TASSO auf ihrer website (www.tiernotruf.org)
als erstes auch uns hier von der "Abschaffung der Jagd"
verlinkt hat.
Sind
Jagdhunde nicht gechipt oder tätowiert und gehen mal
verloren?
Es
ist ja wohl mehr als verständlich, dass jede mitdenkende
verantwortungsvolle Tierschutzorganisation gegen die
Jagd eingestellt ist. Was bei einem Zentralen
Haustierregister wie TASSO überdies nicht verwundert,
wenn man bedenkt, wie viele Tiere, z. B. Katzen
tagtäglich verschwinden (300 000 jährlich), verzweifelt
von ihren Besitzern gesucht werden und wovon ein
Großteil sicher auf das Konto der Jägerschaft geht.
Katzen, die erschossen werden, in Fallen sterben oder
wie die Jäger verharmlosend sagen „verenden“ und dann
von den Jägern dann sang- und klanglos klammheimlich als
unnützes Raubzeug (so schon das Unwort bei
Reichsjägermeister Hermann Göring!) verscharrt, als
Luder ausgelegt, an Greifvögel verfüttert werden oder
denen das Fell abgezogen und als Rheumadecke
verscherbelt wird: Tätowierung und Mikrochip hin oder
her. Gnadenlos!
B. Mein zweites Stichwort heute: Das Groß-Reisebüro
Westfalenhallen
1. Auslandsjagd
Einer der perversesten, dekadentesten und fragwürdigsten
Auswüchse der Hobby- und Spaßjagd ist der Jagdtourismus,
der das oft gebrauchte Wort vom "Heger und Pfleger" ins
Licht der Realität rückt oder zur Kenntlichkeit
entstellt. Bei derartigen Auslandsjagden, sei es in
Afrika, Südamerika oder osteuropäischen Ländern wird
finanziell potenten Jägern die Möglichkeit geboten, im
Ausland teils artengeschützte Tiere zu töten. Diese Form
der Jagd entbehrt jeglicher auch nur annähernd
moralischer Rechtfertigung wie Bestandskontrolle und
Nahrungsbeschaffung. Sie dient ausschließlich dem
Trophäenkult, der Befriedigung der Jagdlust, kurz der
Lust am gezielten Tiermord und der Befriedigung
niederer, allerniederster Tötungsinstinkte!
Nach
wie vor werden in Deutschland solche Jagdreisen für den
organisierten Tiermord zum Vergnügen angeboten: Einige
wenige Preisbeispiele aus Halle 5: So kostet bei
Jagdreisen nach Afrika der Abschuss: Zebra EUR 565,00 -
Streifengnu EUR 785,00 - Warzenschwein EUR 335,00
Schakal EUR 30,00 Pavian EUR 265,00 Stachelschwein EUR
265,00 Leopard EUR 2.500,00 Gepard EUR 2.050,00 usw.
Beispiele für Russlandreisen :
a)
Erster Braunbär in Kamtschatka (Sibirien) - mal nicht
nur nach Bad Driburg in den Teutoburger Wald - pro Jäger
inklusive aller Lizenzen und Genehmigungen für die Jagd;
Rohpräparation der Trophäen sowie Verpackung für
Rücktransport; Getränke und Spirituosen (begrenzt) im
Jagdrevier; plus Abschuss von 1 Elch (unlimitiert in
Größe und Gewicht) US $ 8.450,00 b) Der zweite getötete
Braunbär nur noch: US $ 4.000,00 Zweiter Elch US $
4.000,00 oder : c) 15 Tage Braunbärenjagd Frühjahr oder
Herbst US $ 11.500,00.
Das
war der geographische Bogen zu dem Eingangsbericht über
Bad Driburgs neue Jagdtouristen.
2. Ausländische Jäger in Deutschland oder Jagdtourismus
nach Deutschland
Im
Gegenzug ist auch der Jagdtourismus nach Deutschland zu
unterbinden. Sinnvolle Jagdeinschränkungen und -verbote
in anderen europäischen Ländern wie den Niederlanden,
Belgien, Luxemburg und der Schweiz (Beispielhaft einige
Kantone) , haben zu einem massiven Jagdtourismus nach
Deutschland geführt. So können beispielsweise
Niederländer in Gebieten von Rheinland-Pfalz immer öfter
bei organisierten Jagden gegen Bezahlung ihrem Hobby
nachgehen. Der beispielsweise aus Antwerpen angereiste
Belgier hat bei einer derartigen Jagd in der Eifel oder
im Sauerland in der Regel keinerlei Interesse an einem
selektierenden ökologischen Vorgehen, sondern möchte für
seine Euros ein kapitales Tier erlegen und zu Hause
vorzeigen.
Verwerflich ist aber insbesondere die Tatsache, dass
auch staatliche Stellen um des Geldes willen solche
Jagden ausschreiben, wobei die Tötung der Tiere ohne
ökologische Grundlage nur nach dem Prinzip der
Trophäenjagd stattfindet und die Behörde wiederum
billigend in Kauf nimmt, dass gerade unsere ökologischen
Strukturen aus fehlendem Interesse und auch fehlender,
ungeprüfter Sachkenntnis der ausländischen Jäger
zerstört werden.
So
wird Töten zum Urlaubshobby und bleibt es noch dank
starker Lobby!
Ich
fordere heute:
- Verbot der Werbung und des Angebots von
Auslandsjagden!
- Untersagung des Jagdtourismus nach Deutschland!
- Bei Teilnahme an Auslandsjagden auch die Möglichkeit
einer Bestrafung wegen aller Verstöße gegen das
Tierschutzgesetz wie bei allen anderen Straftaten
deutscher Staatsangehöriger im Ausland (§§ 4 ff. StGB)! |
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Samstag, den 12.7.2008 Beitrag von Prof.
Dr. Wolfgang Karnowsky, Dortmund
81. Kundgebung für eine Natur ohne Jagd
in Kassel auf dem Königsplatz
Jedesmal nach unseren eindrucksvollen
Kundgebungen für eine Natur ohne Jagd habe ich noch
lange unseren lautstarken Sprechchor im Ohr: Jagd und
Jäger ins Museum!
Wegen unserer zentralen Forderung „Jagd
und Jäger ins Museum“ dachte ich bei Nennung unserer
heutigen Kundgebungsstadt Kassel an ihre Museen oder
großen Ausstellungen. Ich werde daher auf die „documenta“
Kassel eingehen, um von der Ausstellungs-Ästhetik den
mir gebotenen Blick auf die Ethik unseres Anliegens zu
lenken.
Kassel mit seiner Kunstausstellung „documenta“
steht seit geraumer Zeit fast als Synonym für
„zeitgenössische Kunst“ da, wie in jedem Bericht aus
Kassel zu diesem Thema zu lesen ist.
Die documenta gilt als die weltweit
bedeutendste Ausstellung für zeitgenössische Kunst. 500
Werke von mehr als 100 Künstlern aus aller Welt werden
im Schnitt gezeigt. Sie findet alle fünf Jahre in Kassel
statt; die nächste documenta Nr. 13 kommt 2012.
Motivation für diese Ausstellung ist eine
Ästhetik in Bewegung, ein Großmuseum für neues Sehen -
wie die Veranstalter sagen. Das ist ein guter Gedanke,
gerade Unbekanntes und Innovatives dem breiten Publikum
- so ein Katalog - zu zeigen.
Ähnliches wollen wir heute in Kassel aber
auch erreichen. Nur statt um Ästhetik, geht es uns um
eine neue Ethik, denn auch diese ist in Bewegung. Wir
wollen hier in Kassel auch Innovatives benennen.
Schließlich ist eine „Natur ohne Jagd“ vielen Kasselern
noch fremd, wie sicher auch manches documenta-Kunstwerk.
Ja, auch uns geht es um ein neues Sehen!
Ethik in Bewegung, statt Kunst in
Bewegung! Nur mit dem Herzen sieht man gut, heißt ein
schon zur Alltagsmünze strapaziertes Dichterwort. Für
unsere heutige Demonstration in Kassel passt es sicher.-
Zwar kamen 750.000 Besucher zur 12. documenta 2007 nach
Kassel, aber diese enorme Zahl lässt uns hier und heute
in Kassel nicht kleinlaut werden. Ich jedenfalls komme
auch oder gerade wegen der Ethik nach Kassel! Unsere
Botschaft ist klarer als die mancher Künstler der
documenta. Der notwendige Beitrag der Kunst zur
Verbesserung der Welt erschließt sich mir hier nicht
immer; anders aber unsere heutige eindeutige Kundgebung!
Belesene Ästhetik-Kenner wissen alle,
dass ein röhrender Hirsch oder Rehe auf einer
Waldlichtung als die Paradebeispiele überhaupt für
absolut schlechten Kunstgeschmack, ja als Muster
schlimmsten Kitsches herhalten müssen. Die armen Hirsche
und Rehe! Ein solches typisches Lehrbuch der Ästhetik
mit Hirschbildern habe ich heute bei mir.
Von diesen Hirschbildern wendet sich
jeder documenta Besucher ab mit Grausen. Die Sachlage
ist aber komplizierter. Warum?
Nehmen wir heute in Kassel diese sog.
Kitsch-Bilder von den prächtigen Hirschen oder Rehen als
radikale Widerstandsbilder und nennen sie schlicht
Motive für unseren Kampf. Damit sind wir ethisch jeder
künftigen documenta weit voraus im neuen 21. Jahrhundert
angekommen. Sie sehen: Das Schöne, Gute und Wahre gibt
es nicht so einfach im Dreierpack.
Zum Kitsch-Begriff noch ein kleiner
Rückblick von Kassel nach Dortmund:
Viele von Euch Demonstranten waren im
Februar in Dortmund wegen Europas größter Jagdmesse. Ich
lebe und arbeite in Dortmund und kenne die Messe
besonders gut. Dort gibt es dann fünf Hallen mit
endlosem Gruselkitsch: Jagdmotive auf Krawatten, Tassen,
Gürteln, Hemden, Jacken, Schreibzeug, Taschen usw.
Dortmund ist also einmal im Jahr eine Woche Hauptstadt
des europäischen Gruselkitsches! Wir kämpfen gegen ein
steinzeitliches Jagdvergnügen im 21. Jahrhundert! Die
Kasseler documenta nennt sich richtigerweise
zeitgenössisch. Zeitgenössisch ist aber auch unsere
Ethik, weil nur sie auf der ethischen Entwicklungsstufe
unserer Zeit ist. Unsere Ethik hat Zukunft, weil die
Jagd - wie meine Vorredner bewiesen haben - mit
zwingenden Argumenten ins Museum gehört; am besten ins
große Kasseler Brüder-Grimm-Museum zu den dortigen „Es-war-einmal-Geschichten“!
Es steht gleich hier um die Ecke und ist für Besucher
heute offen. - Schafft die Jagd ab! |
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80. Demonstration »Natur ohne Jagd« in
Mainz - mit Vertretern von über 20 Tier- und
Naturschutzorganisationen – 7. Juni 2008 Ansprache von
Prof. Dr. Karnowsky
1. Der Jäger aus Kurpfalz
Heute bei einer Kundgebung hier in
Rheinland-Pfalz für eine Natur ohne Jagd denke ich an
jenes, zwar von der Melodie her schöne, aber sonst
unsägliche Lied, dass sich leider noch immer großer
Verbreitung erfreut. Für den Kanzler Helmut Kohl sangen
es chinesische Kinder in Peking auf Deutsch, weil Kohl
ja aus der Pfalz kommt: Der Jäger aus Kurpfalz. Der
damalige Bundeskanzler soll ganz ergriffen gewesen sein
und dessen Dank klang dann so, als sei das Lied die
hiesige Mainzer Landeshymne.
Diesem Nimrod, dem Jäger aus Kurpfalz,
der unablässig jagte und tötete, worüber es noch
Aufzeichnungen gibt, wurde von dem ständig jagenden
Kaiser Wilhelm II. hier in unserer Nähe im Hunsrück -
westlich von Mainz ausgesehen - bei Simmern mit einer
pompösen Einweihungsfeier vor knapp 100 Jahren sogar
noch ein Denkmal (Jörg von Uthmann, Es steht ein
Wirtshaus an der Lahn, 2. Aufl., Hamburg 1979, S. 306f.)
gesetzt. Mit der Kurpfalz ist ein Landesteil jenes
Bundeslandes gemeint, dessen jetzige Hauptstadt unser
Kundgebungsort ist: Mainz. - Im Lied heißt es gruselig
oder anders ausgedrückt: Idylle in giftgrün oder
blutigrot:
Ein Jäger aus Kurpfalz, der reitet durch
den grünen Wald und schießt das Wild daher
gleich wie es ihm gefällt.
Juja, juja, gar lustig ist die Jägerei
allhier auf grüner Heid, - allhier auf
grüner Heid. allhier auf grüner Heid. (Quelle: Das
Volksliederbuch, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1993, S.
143)
Gegen diesen moralischen Schutt in
unserer Liedtradition wehre ich mich. Der Text tut weh.
Ich habe nach vielen Jagdberichten den Eindruck, dass
viele Jäger, so wurden uns hier auch von kompetenten
Rednern mit drastischen Beispielen belegt, noch heute
ähnlich denken oder fühlen - „gar lustig ist die
Jägerei“ - wie jener Pfalzgraf Johann Kasimir, der in
der Barockzeit mit der bezeichnenden Regierungsform
Absolutismus den üppigen Wildbestand des Hunsrück und
anderer Teile der Pfalz fast täglich mit seiner
Jagdmeute heimsuchte. – Aber es gibt ja jetzt uns, die
Bewegung für eine Natur ohne Jagd!
2. Bad Dürkheim und die Lobby
Noch ein zweiter geographischer und
historischer Bezug zu den inhaltlichen Themen meiner
Vorredner soll ganz knapp folgen:
Etwas südlich von hier in der Pfalz liegt
Bad Dürkheim. Hier wurde im Jahre 1949 der nach dem ADAC
größte Lobbyverband Deutschlands, unser Gegner
gegründet: Der deutsche Jagdschutzverband (DJV) mit
jetzt über 300.000 Mitgliedern. Was war geschehen?
Nachdem die deutschen Jäger am 8. Mai 1945 waffenlos
wurden, gründeten sie vor allen anderen deutschen
Vereinen in den jeweiligen Besatzungszonen sogleich
regionale Verbände, die sich dann nach der Staatgründung
1949 zu einem Dachverband hier in Rheinland-Pfalz
vereinigten. Dort auf dem Kongress ging es nicht etwa um
den Verbiss am deutschen Wald oder Ökologie, sondern um
primär ureigene Jagdinteressen, die gegen den Staat
durchgesetzt werden sollten – eben die typische
Lobbyarbeit. Da ist dieser DJV bis heute unübertroffen.
- Als Fußnote der Jagdhistorie: Das Personal der
Lobbyisten in Bad Dürkheim 1949 stammte - wie ein
jagdfreundlicher Autor kritisch belegt hat (Hespeler,
Bruno, Jäger wohin? München 1990, S. 53f.) - aus dem
Hermann-Göring-Kreis der Alt-NS-Jagdlobbyisten -
Kontinuität pur. Das hat ja auch schon im anderen
Zusammenhang der Jurist Dominik Storr in seinen
Ansprachen belegt. Geschickt, wie diese
Lobbyistengruppen eben sind, hat dieser hier in Bad
Dürkheim vor 60 Jahren gegründete Verein etwas Zynisches
neu ins Vereinsprogramm aufgenommen: „im Rahmen der
Aktion "Lernort Natur" laden künftig Jäger Schüler und
Jugendliche in ihre Reviere ein, um ihnen die
Zusammenhänge in der Natur näher zu bringen“. Lobbyisten
lernen dazu! Wir werden heute und auch in Zukunft
dagegen halten!
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Bamberg,
5. April 2008
77. bundesweite
Demonstration für eine »Natur ohne Jagd«
Grußwort Prof. Dr. iur. W. Karnowsky,
Dortmund für die Hans-Rönn-Stiftung - Menschen f. Tiere,
Düsseldorf und heute auch als Sprecher für PAKT e.V.,
Düsseldorf
Warum
bin ich heute über 400 km gefahren, um den hier
versammelten ca. 1000 bayerischen Jägern in Bamberg
meine Meinung zu sagen? Die Empörung trieb mich nach
Bamberg!
A. Die
Amtskirche und die heutige Messe im Dom
Mich
empört die sog. Hubertusmesse im Kaiserdom von Bamberg
gleich um 18.00. Da fällt mir, dem hauptberuflichen
Strafrechtler immer wieder der § 167 Abs. 1 Nr. 2 StGB
ein:
Danach
darf niemand in einer Kirche „beschimpfenden
Unfug verüben“ – so das Gesetz wörtlich. Der Paragraph
will im - rechtsgeschichtlich dokumentierten - Ergebnis
die frühere Straftat Gotteslästerung, die so
genannte Blasphemie in einem Gotteshaus verhindern.
Beispiele aus der Rechtsprechung sind: Vorlesen von
Pornographie, Aufbehalten des Hutes und vieles mehr.
Ich
meine, dass zwar die Staatsanwälte das hier in Bamberg
sicher anders sehen werden, aber für mich bleibt die
Hubertusmesse als Messfeier des Jagdglücks und
Lobpreisung jedweder Jagd etwas Urheidnisches, was
sicher dem wahren Christengott als zutiefst
gotteslästerlich erscheinen wird.
Die
Jagdmesse heute im Dom ist „beschimpfender Unfug“
im Sinne von §
167 StGB:
Woran
konkret?
Am
echten, wahren Ur-Christentum, der Kernbotschaft Jesu
Christi: Tod und Leiden vermeiden!
Die
heutige Messe im Dom um 18.00 mit dem Hauptteil der in
Bamberg versammelten 1000 bayrischen Jäger, einem großen
Jagdhornchor aus Schweinfurt rund um den Altar und mit
der jagdstolzen CSU-Prominenz aus München ist für mich
reinste Blasphemie!
B.
Bambergs größter Sohn – bis heute jedenfalls
Der
Schriftsteller Karlheinz Deschner ist
gebürtiger Bamberger (Jg. 1924), er ging hier gleich
nebenan zur Schule, machte in Bamberg sein Abitur und
lebt jetzt ganz in unserer Nähe. Aus Altersgründen kann
er heute nicht mit uns hier für eine „Natur ohne Jagd
demonstrieren. Von ihm gibt es die bekannten zehn
umfangreichen Bände „Kriminalgeschichte des
Christentum“, die ich ohne jede Übertreibung nicht
nur als eine gewaltige Lebensleistung werten kann,
sondern die auch geniale Meilensteine jedweder
historischen Forschung bleiben werden. Über den Titel
könnte man streiten: Er könnte oder sollte auch lauten:
Kriminalgeschichte des Amts-Christentums.
Ferner
muss ich noch anmerken, dass es sicher auch eine
Kriminalgeschichte des Atheismus gibt, wenn wir
insbesondere an das letzte Jahrhundert denken. Wenn ich
Kraft und Zeit hätte, würde diese einmal schreiben. Das
legitimiert aber nicht schon die Hubertusjagdmessen
haltende Amtskirche zur moralischen Selbstzufriedenheit,
wenn Atheisten auch böse sein können.
Wie
hier bei Deschner Mechanismen unmoralischer
Machtausübung dargelegt, der krasse Widerspruch zwischen
einer hehren Theorie und einer korrupten Praxis
herausgearbeitet werden, wie mit dem Mittel beißender
Ironie die inhumane Verkommenheit einer Amtskirche oder
der selbst ernannten Vertreter Gottes auf Erden
bloßgelegt wird – das ist ganz große
Literatur.
Aus
Zeitgründen lese ich die markanten Stellen zu unserm
heutigen Jagdthema aus dem Werk des Jagdkritikers
Deschner ohne Sinnentstellung verkürzt vor.
I.
Zitat Nr. 1
In dem
in Bamberg 1998 wieder neu gedruckten
(autobiographischen) Roman Deschners von 1956 ein sind
einige Sätze hier auf dem Markplatz zu verlesen. Hinweis
am Rande: Ich kenne sonst keinen deutschen Roman,
der die Jagd anprangert.
Nennt
jemand von den vielen Zuhörern hier mir einen solchen
Roman, gebe ich unten in jene Spendendose am Bücherstand
100 €! - Eine
Anmerkung noch zum Verständnis des folgenden Textes:
Deschner ist
Sohn eines hiesigen Försters und trat zunächst in die
Fußstapfen seines Vaters und ging daher mit zur Jagd.
Ich
lese nun vor:
Karlheinz Deschner, Die Nacht steht um mein Haus
(1956); unveränderter Nachdruck hier benutzt:
Bamberg: Kleebaum Verlag, 1998, S. 82:
…erst
seit ich krank wurde, habe ich das Leben schätzen
gelernt. Ich bin nicht mehr auf die Jagd
gegangen, ich wollte kein Tier mehr töten, ich sah die
Welt voll Tod, und ich wollte nicht diesen Tod
vermehren.
Ich
wollte selbst leben, und ich habe mir gedacht, dass
jedes Tier ebenso gerne leben will wie ich, und ich
glaube, dass das recht gedacht war, und ich glaube, dass
mir niemand widersprechen wird, und ich glaube, dass wir
kein Recht haben, die Tiere zu töten, es sei
denn, das Recht der Gewalt…
Anmerkung: Dieser Text ist schon 52 Jahre alt.
Wie wirkt er frisch!
Jetzt
ein weiterer Text aus Deschners Arbeiten.
II.
Zitat Nr. 2
Diesmal
habe ich von Deschner aufgeschlagen: „Für ein Bissen
Fleisch“, Aksu-Press, Bad Nauheim 1998
Hier
auf S. 32 wird ein längeres Gespräch geschildert: Ein
Bekannter bestellt im Beisein Deschners „Reh“ im Lokal.
Dabei sagt die Person, „kann man doch essen, von wegen
„Ethik“, denn Rehe gefährden unseren Wald…“.
Deschner brachte die Gegenargumente, - er hat ja als
Förstersohn zuerst Forstwissenschaft studiert, wie ich
schon erwähnte - wie wir sie heute und hier von vielen
informierten Rednern vor mir hörten. Der „Mitesser“
blieb völlig unbelehrbar und bestellte dann „Hirsch“…….
Aus
Zeitgründen kann ich nicht das Ende der Geschichte hier
auf dem Bamberger Marktplatz mehr vorlesen.
Das
zitierte Buch ist sehr empfehlenswert: Für ein Bissen
Fleisch – Treffender Untertitel bei Deschner: Das
schwärzeste Verbrechen, - weil Tiere sich - im
Ergebnis - nie wehren können……auch nicht bei der
Jagd..........
Für
eine „Natur ohne Jagd“! - Ich lade Sie heute schon ganz
herzlich zur 78. Kundgebung für eine „Natur ohne Jagd“
am 3. Mai 2008 - wieder ein Samstag - nach Frankfurt
ein.
Danke
für Ihre Geduld!
|
| Rede von Roland
Dunkel, Anti-Jagd-Demo am 5.4.2008 in Bamberg
Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer!
„Jäger
im Ehrenamt für Natur und Gesellschaft“
so
lautet das Motto der Landesjäger-Tagung, die an
diesem Wochenende hier in Bamberg stattfindet.
Nun mögen Jäger ihr blutiges Vergnügen
durchaus als eine ehrenvolle Aufgabe betrachten. Jäger
mögen auch ganz fest daran glauben, dass sie ein
Ehrenamt begleiten – verliehen von Natur und
Gesellschaft, wenn sie feige aus dem Hinterhalt auf
friedliche Tiere schießen, Fallen aufstellen, mit
Bleischrot die Umwelt vergiften, usw.
Es ist heute nicht unsere Aufgabe
herauszufinden, wer oder was für dieses Krankheitsbild
verantwortlich ist, woher sie denn kommen, die
seelischen Störungen. Vielmehr gilt es darauf
hinzuweisen, dass dieses Motto „Jäger im Ehrenamt für
Natur und Gesellschaft“ nicht das Geringste mit der
Wahrheit zu tun hat. Schon mancher Bock hat sich zum
Gärtner gemacht, ein Ehrenamt dafür wurde bisher aber
noch keinem verliehen! Die Natur jedenfalls, wenn sie es
denn könnte, würde den auf Hochsitzen lauernden, mit
modernen Waffen ausgestatteten, manchmal nach Alkohol
riechenden „Möchtegern-Ersatzwölfen“ niemals ein
Ehrenamt verleihen. Noch dazu, wo doch die Natur uns
Menschen immer wieder zu verstehen gibt, dass sie uns
eben nicht braucht - insbesondere Jäger nicht braucht.
Jagdfreie Gebiete unterstreichen dies eindrucksvoll!
Und wie sieht es aus mit der
Gesellschaft? Die Mehrheit der Bevölkerung lehnt die
Jagd ab. Auch das hört sich nicht nach „Ehrenamt“ an,
eher wie eine schallende Ohrfeige für die Jägerschaft!
Das Motto der Jägerveranstaltung reiht
sich also mühelos in die lange Märchenliste der Jäger
ein. Doch das ist nichts besonderes, das hat Tradition.
So werden sich die Flintenökologen auch heute und morgen
bei ihren Fachsimpeleien und Beratungen neue
Rechtfertigungsversuche für ihre Lust ausdenken.
Und wer weiß, vielleicht hilft ihnen die
Kirche dabei.
Unchristlichkeit als Voraussetzung dafür,
wäre auch in dieser Organisation zweifelsohne
vorhanden. Denken wir nur an die heute Abend, hier in
Bamberg, stattfindende Hubertusmesse. Denn wer will
schon ernsthaft damit rechnen, dass heute Abend,
sozusagen im Lichte der katholisch-kirchlichen
Botschaft, die Wahrheit erstrahlen wird? Die
Wahrheit als ein wesentlicher Bestandteil der
kirchlichen Verkündungsebene.
Pfarrer Kühn, der die Jägerinnen und
Jäger willkommen heißen und segnen wird, müsste sich
dann ungefähr so anhören: Ihr Jägerinnen und Jäger,
macht es wie der Hl. Hubertus, hört auf mit dem Jagen!
Ihr tötet Mitgeschöpfe aus völlig niederen Beweggründen.
Ihr tötet sie nämlich aus Lust, aus Spaß, aus
Leidenschaft! Das Töten ist euer Hobby! Es bereitet euch
den besonderen „Kick“! Dieses Lusttöten aber, bedeutet
für einen Großteil der bejagten Tiere einen qualvollen
Tod! Sei es durch eine Falle, oder dadurch, dass
angeschossene Tiere tagelang mit dem Tode ringen. Mit
euren Gewehren zerreißt ihr Familienbanden. Ihr versetzt
Tiere in panische Angst, wenn ihr Treibjagden
veranstaltet oder eure Jagdhunde in Bauten und Höhlen
hetzt, damit sie Tiere vor euch und euren schussbereiten
Flinten zwingen! Durch Fütterungen
sorgt ihr für hohe Wildbestände und somit für
zahlreiche Trophäen, mit denen ihr dann euere Häuser
schmückt! Aber ihr tötet nicht nur, ihr belügt auch
die Öffentlichkeit, indem ihr eure leid- und
todbringende Leidenschaft mit der Erhaltung eines
natürlichen Gleichgewichtes zu verschleiern versucht.
Hört endlich auf damit! Ihr Jägerinnen und Jäger, macht
es wie der Hl. Hubertus! Hört endlich auf damit!
Meine Damen und Herren, die Wahrheit
würde die Hubertusmesse zu dem aufwerten, was sie
eigentlich auch sein sollte, nämlich ein Strahl aus dem
großen Licht der Botschaft Christi. Ähnlich wie das
Kreuz, das dem Heiligen Hubertus zwischen dem Geweih
eines Hirsches erschien, sollte sie in die
Lebenswirklichkeit hineinleuchten und die Hobbyjäger im
21. Jahrhundert zur Umkehr bewegen. Niemand brauchte
dann mehr einen Gedanken an eine Abschaffung der
Hubertusmesse verschwenden. |

Roland Dunkel


Mitglieder des Arbeitskreises

Vor dem Bamberger Dom,
anlässlich der Hubertusmesse |
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