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STELLUNGNAHME
Warum es dringend notwendig ist, das
jüdische Schlachten wieder mit der Halacha in Einklang
zu bringen
Hanna Rheinz
Eines haben wir aus gescheiterten
Dialogen gelernt: Selbst die ad nauseam fortgesetzte
Wiederholung eines Arguments macht dieses nicht wahrer.
Dies gilt auch für die Schechita. Wie
dünn das Eis ist, auf dem wir uns hier bewegen, ist den
Repräsentanten offenbar nicht klar, sonst hätten sie
nicht, wie unlängst geschehen, sich unseligerweise auf
das muslimische Schächten berufen, das anders als die
streng geregelte Schechita, sogar das Schächten durch
Laien erlaubt, ja beim Opferfest sogar vorschreibt! Wenn
zwei religiöse Minderheiten etwas Falsches fordern,
erwächst ihnen daraus nicht zwangsläufig ein Pluspunkt.
Wer sich auf dünnem Eis bewegt, hat
mehrere Möglichkeiten: Man kann so tun, als sei alles
gar nicht so schlimm und hoffen, das Eis sei noch
tragfähig. Man kann ohne große Worte den geordneten
Rückzug antreten, sich vorsichtig zum Ufer bewegen, und
der Pein des öffentlichen Debakels entgehen. Oder man
kann ein großes Gezeter veranstalten und wild
umherrudern. Zu den unvermeidlichen physikalischen
Folgen gehört, daß der Untergang nun näher ist als das
rettende Ufer.
Der Zentralrat der Juden in Deutschland
hat sich für den dritten Weg entschieden.
Das Jüdische Schächten soll nicht mehr
tragfähig sein? Unterstellen das nicht seit je die
Antisemiten? Hat, wer so etwas behauptet, nicht einen
Cherem, den Bannspruch verdient, mindestens jedoch
soziale Ausgrenzung? Dumm nur, daß sich berühmte
jüdische Persönlichkeiten, darunter viele Rabbiner, als
Schächtgegner outeten, die, als es noch keine halachisch
akzeptablen Alternativen gab, Vegetarismus forderten.
Nicht der Fleischverzehr, sondern das Verbot der
Tierquälerei galt als das ethisch höherstehende Gut.
Dies ist längst vergessen. Was einst als
schonendst mögliche Methode des Schlachtens im Interesse
der Tiere präzise festgelegt worden ist, hat sich unter
den Bedingungen der industriell und im Akkord
organisierten Schechita moderner Großtierrassen als
nicht länger praktikabel erwiesen. Die Schlachtfabrik
ist eben kein Tempel, in dem der Schochet die Tiere mit
Segenssprüchen beruhigt und sie jedes für sich, beim
Sterben begleitet.
Wer ohne Scheuklappen die Zustände beim
Schächten in Augenschein nimmt, weiß um die hohe
Fehlerquote, weiß um das erschreckende Burn-Out der
Schächter, hört, was jüdische Schächtexperten hinter
vorgehaltener Hand schon seit langem beklagen: das
betäubungslose jüdische Schächten ist eben nicht mehr im
Sinne der Halacha, die Tierschutz und Tierrecht radikal
und oft gegen die Interessenlage des Menschen
einfordert. Das Verbot von Tza`ar Ba`alei chayim ist
unter den Tisch gefallen.
Doch der Mut, sich dies einzugestehen und
daraus die Konsequenzen zu ziehen, fehlt!
Vielen Repräsentanten ist nicht bewußt,
daß sie das Erbe des ältesten und radikalsten
Tierrechtsgesetzes weltweit verwalten. Präzendenzfälle
gibt es en masse: Der Krieg zwischen zwei Menschen muß
unterbrochen werden, um das in Not geratene Tier des
Feindes zu retten! Das Töten von Tieren gilt als awera,
als Übel und wird als Quelle des Hasses betrachtet. Zu
den ethischen Herausforderungen der Halacha gehört die
mitzwa, die Interessen der Schwächsten, gerade der Tiere
zu vertreten, die eigene Gier, die Eigeninteressen
einzudämmen. Die Heiligkeit des Lebens aller Lebewesen
zu achten. Mitgefühl und Gerechtigkeit walten zu lassen
und nicht auf die Erfüllung andernorts längst über Bord
geworfener handwerklicher Techniken und Gewohnheiten zu
beharren, die nicht Dinge mit einem Wert an sich,
sondern selbst Ergebnis historischer Prozesse sind.
Durch die Hintertür ist der Katalog der vermeintlich so
unveränderlichen Schächtregeln überdies längst erweitert
worden. So sind stillschweigend Apparaturen zugelassen
worden, die das Schächten von Großtieren für den
Schächter überhaupt erst gefahrlos möglich machen. Ist
das im Sinn der Halacha? Das Gebot des schonendst
möglichen Verfahrens für die Tiere blieb dabei auf der
Strecke: sie werden getrieben, fixiert, zwischen
Metallplatten geklemmt, mitsamt der Apparatur langsam
umgedreht, sodaß das Tier in Panik gerät, und durch das
eigene Körpergewicht und die unnatürliche Position
extreme Schmerzen erleidet und sich als Folge der
Befreiungsversuche und Abwehrbewegungen verletzt. Der
Schlachtvorgang wird unnötig verlängert. Der
Schächtschnitt ist nur möglich, wenn der Hals des Tieres
fixiert und überstreckt wird. Die Fehlerquote mit
Nachschneiden ist erschreckend hoch. Das Fleisch
unbrauchbar. Ehrlicherweise müßte das Fleisch von
Tieren, die unter den Strapazen der modernen
Schächtapparate sterben, der Kategorie des nicht
koscheren gerissenen Fleisches gejagter Tiere zugeordnet
werden. Fraglich auch, ob wirklich immer der
Schächtschnitt das Tier tötet und nicht die körperlichen
und seelischen Belastungen und Verletzungen während der
Prozeduren vor und nach dem Schächtschnitt. Ein solches
Fleisch wäre Aas (neveila).
Wir müssen uns eingestehen, daß zum Kampf
gegen Antisemitismus heute auch der Kampf gegen
Unwissenheit und gegen den Antijudaismus in den eigenen
Reihen gehört. Es ist an der Zeit, hinter den schönen
Fassaden der allerorten errichteten neuen Tempel und
Gemeindehäuser auch einen Ort für den inneren Tempel zu
finden und den jüdischen Werten von Mitgefühl und
Gerechtigkeit wieder Raum zu geben.
Erinnert sei daran, daß es zu allen
Zeiten pragmatische Entscheidungen gab, mit denen es
möglich wurde, das übergeordnete halachische Gebot zu
bewahren, indem zeitgemäße Anpassungen bei seiner
Ausführung vorgeschrieben wurden. Hat nicht Rabbenu
Gerschom ben Judah Me`or ha-Golah im 11. Jahrhundert
erkannt, daß die Polygamie in Europa keine Zukunft hat?
Wer käme heute noch auf die Idee, die Monogamie als
unvereinbar mit der jüdischen Tradition zu bezeichnen?
Wir sind aufgefordert, die Zeichen der Zeit zu erkennen
und uns einzugestehen, daß das betäubungslose Schächten
überholt und nicht mehr praktikabel ist und in
eklatanter Weise dem halachischen Tierschutz und
Tierrecht widerspricht.
Ganze Heerscharen von Rabbinern und
Wissenschaftlern arbeiten heute daran, die Fortschritte
der modernen Medizin und Gerätetechnologie mit der
Halacha in Einklang zu bringen. Nutzen wir nicht
Zeitschaltuhren, Aufzüge, Hörgeräte etc. selbst am
Schabbat? Sogar Weltraumflüge sind frommen Juden
halachisch erlaubt.
Wir dürfen nicht zulassen, daß
ausgerechnet das Verbot der Tierquälerei so leichtfertig
mißachtet wird. Kommt hier nicht die unselige Dynamik
von Gleichgültigkeit, Wegsehen, Egoismus und Seelentod
zum Ausdruck, in der auch die jüdische Gemeinschaft
gefangen ist? Die Verbindung von Schächtgegnerschaft und
Antisemitismus, Tierschutz, Nationalsozialismus und
Schoah, darf uns selbst nicht daran hindern, die eigenen
halachischen Tierschutzgebote umzusetzen.
Durch die moderne reversible
Elektrokurzzeitbetäubung wird halachisch korrektes
Schlachten möglich. Das Fleisch wird, anders als nach
tierquälerischen Manipulationen, nicht treife. Eine
Rückbesinnung auf das halachische Verbot von Tza`ar
Ba`alei chayim ist dringend notwendig, um den ethischen
Herausforderungen der Halacha auch ab dem 6. Jahrtausend
der Jüdischen Zeitrechnung gerecht zu werden. Die von
der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland geschützte
Religionsfreiheit bleibt bei einer Streichung von Nr. 2
Abs. 2 des § 4 a Tierschutzgesetzes, der Abschaffung des
religiös motivierten betäubungslosen Schlachtens,
gewahrt.
Copyright:
Dr. Hanna Rheinz
Email HannaRheinz@aol.com,
www.tierimjudentum.de
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