Arbeitskreis humaner

 

                    Tierschutz e.V.   (gegr.1991)

 
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STELLUNGNAHME

 

Warum es dringend notwendig ist, das jüdische Schlachten wieder mit der Halacha in Einklang zu bringen

Hanna Rheinz

Eines haben wir aus gescheiterten Dialogen gelernt: Selbst die ad nauseam fortgesetzte Wiederholung eines Arguments macht dieses nicht wahrer.

Dies gilt auch für die Schechita. Wie dünn das Eis ist, auf dem wir uns hier bewegen, ist den Repräsentanten offenbar nicht klar, sonst hätten sie nicht, wie unlängst geschehen, sich unseligerweise auf das muslimische Schächten berufen, das anders als die streng geregelte Schechita, sogar das Schächten durch Laien erlaubt, ja beim Opferfest sogar vorschreibt! Wenn zwei religiöse Minderheiten etwas Falsches fordern, erwächst ihnen daraus nicht zwangsläufig ein Pluspunkt.

Wer sich auf dünnem Eis bewegt, hat mehrere Möglichkeiten: Man kann so tun, als sei alles gar nicht so schlimm und hoffen, das Eis sei noch tragfähig. Man kann ohne große Worte den geordneten Rückzug antreten, sich vorsichtig zum Ufer bewegen, und der Pein des öffentlichen Debakels entgehen. Oder man kann ein großes Gezeter veranstalten und wild umherrudern. Zu den unvermeidlichen physikalischen Folgen gehört, daß der Untergang nun näher ist als das rettende Ufer.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat sich für den dritten Weg entschieden.

Das Jüdische Schächten soll nicht mehr tragfähig sein? Unterstellen das nicht seit je die Antisemiten? Hat, wer so etwas behauptet, nicht einen Cherem, den Bannspruch verdient, mindestens jedoch soziale Ausgrenzung? Dumm nur, daß sich berühmte jüdische Persönlichkeiten, darunter viele Rabbiner, als Schächtgegner outeten, die, als es noch keine halachisch akzeptablen Alternativen gab, Vegetarismus forderten. Nicht der Fleischverzehr, sondern das Verbot der Tierquälerei galt als das ethisch höherstehende Gut.

Dies ist längst vergessen. Was einst als schonendst mögliche Methode des Schlachtens im Interesse der Tiere präzise festgelegt worden ist, hat sich unter den Bedingungen der industriell und im Akkord organisierten Schechita moderner Großtierrassen als nicht länger praktikabel erwiesen. Die Schlachtfabrik ist eben kein Tempel, in dem der Schochet die Tiere mit Segenssprüchen beruhigt und sie jedes für sich, beim Sterben begleitet.

Wer ohne Scheuklappen die Zustände beim Schächten in Augenschein nimmt, weiß um die hohe Fehlerquote, weiß um das erschreckende Burn-Out der Schächter, hört, was jüdische Schächtexperten hinter vorgehaltener Hand schon seit langem beklagen: das betäubungslose jüdische Schächten ist eben nicht mehr im Sinne der Halacha, die Tierschutz und Tierrecht radikal und oft gegen die Interessenlage des Menschen einfordert. Das Verbot von Tza`ar Ba`alei chayim ist unter den Tisch gefallen.

Doch der Mut, sich dies einzugestehen und daraus die Konsequenzen zu ziehen, fehlt!

Vielen Repräsentanten ist nicht bewußt, daß sie das Erbe des ältesten und radikalsten Tierrechtsgesetzes weltweit verwalten. Präzendenzfälle gibt es en masse: Der Krieg zwischen zwei Menschen muß unterbrochen werden, um das in Not geratene Tier des Feindes zu retten! Das Töten von Tieren gilt als awera, als Übel und wird als Quelle des Hasses betrachtet. Zu den ethischen Herausforderungen der Halacha gehört die mitzwa, die Interessen der Schwächsten, gerade der Tiere zu vertreten, die eigene Gier, die Eigeninteressen einzudämmen. Die Heiligkeit des Lebens aller Lebewesen zu achten. Mitgefühl und Gerechtigkeit walten zu lassen und nicht auf die Erfüllung andernorts längst über Bord geworfener handwerklicher Techniken und Gewohnheiten zu beharren, die nicht Dinge mit einem Wert an sich, sondern selbst Ergebnis historischer Prozesse sind. Durch die Hintertür ist der Katalog der vermeintlich so unveränderlichen Schächtregeln überdies längst erweitert worden. So sind stillschweigend Apparaturen zugelassen worden, die das Schächten von Großtieren für den Schächter überhaupt erst gefahrlos möglich machen. Ist das im Sinn der Halacha? Das Gebot des schonendst möglichen Verfahrens für die Tiere blieb dabei auf der Strecke: sie werden getrieben, fixiert, zwischen Metallplatten geklemmt, mitsamt der Apparatur langsam umgedreht, sodaß das Tier in Panik gerät, und durch das eigene Körpergewicht und die unnatürliche Position extreme Schmerzen erleidet und sich als Folge der Befreiungsversuche und Abwehrbewegungen verletzt. Der Schlachtvorgang wird unnötig verlängert. Der Schächtschnitt ist nur möglich, wenn der Hals des Tieres fixiert und überstreckt wird. Die Fehlerquote mit Nachschneiden ist erschreckend hoch. Das Fleisch unbrauchbar. Ehrlicherweise müßte das Fleisch von Tieren, die unter den Strapazen der modernen Schächtapparate sterben, der Kategorie des nicht koscheren gerissenen Fleisches gejagter Tiere zugeordnet werden. Fraglich auch, ob wirklich immer der Schächtschnitt das Tier tötet und nicht die körperlichen und seelischen Belastungen und Verletzungen während der Prozeduren vor und nach dem Schächtschnitt. Ein solches Fleisch wäre Aas (neveila).

Wir müssen uns eingestehen, daß zum Kampf gegen Antisemitismus heute auch der Kampf gegen Unwissenheit und gegen den Antijudaismus in den eigenen Reihen gehört. Es ist an der Zeit, hinter den schönen Fassaden der allerorten errichteten neuen Tempel und Gemeindehäuser auch einen Ort für den inneren Tempel zu finden und den jüdischen Werten von Mitgefühl und Gerechtigkeit wieder Raum zu geben.

Erinnert sei daran, daß es zu allen Zeiten pragmatische Entscheidungen gab, mit denen es möglich wurde, das übergeordnete halachische Gebot zu bewahren, indem zeitgemäße Anpassungen bei seiner Ausführung vorgeschrieben wurden. Hat nicht Rabbenu Gerschom ben Judah Me`or ha-Golah im 11. Jahrhundert erkannt, daß die Polygamie in Europa keine Zukunft hat? Wer käme heute noch auf die Idee, die Monogamie als unvereinbar mit der jüdischen Tradition zu bezeichnen? Wir sind aufgefordert, die Zeichen der Zeit zu erkennen und uns einzugestehen, daß das betäubungslose Schächten überholt und nicht mehr praktikabel ist und in eklatanter Weise dem halachischen Tierschutz und Tierrecht widerspricht.

Ganze Heerscharen von Rabbinern und Wissenschaftlern arbeiten heute daran, die Fortschritte der modernen Medizin und Gerätetechnologie mit der Halacha in Einklang zu bringen. Nutzen wir nicht Zeitschaltuhren, Aufzüge, Hörgeräte etc. selbst am Schabbat? Sogar Weltraumflüge sind frommen Juden halachisch erlaubt.

Wir dürfen nicht zulassen, daß ausgerechnet das Verbot der Tierquälerei so leichtfertig mißachtet wird. Kommt hier nicht die unselige Dynamik von Gleichgültigkeit, Wegsehen, Egoismus und Seelentod zum Ausdruck, in der auch die jüdische Gemeinschaft gefangen ist? Die Verbindung von Schächtgegnerschaft und Antisemitismus, Tierschutz, Nationalsozialismus und Schoah, darf uns selbst nicht daran hindern, die eigenen halachischen Tierschutzgebote umzusetzen.

Durch die moderne reversible Elektrokurzzeitbetäubung wird halachisch korrektes Schlachten möglich. Das Fleisch wird, anders als nach tierquälerischen Manipulationen, nicht treife. Eine Rückbesinnung auf das halachische Verbot von Tza`ar Ba`alei chayim ist dringend notwendig, um den ethischen Herausforderungen der Halacha auch ab dem 6. Jahrtausend der Jüdischen Zeitrechnung gerecht zu werden. Die von der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland geschützte Religionsfreiheit bleibt bei einer Streichung von Nr. 2 Abs. 2 des § 4 a Tierschutzgesetzes, der Abschaffung des religiös motivierten betäubungslosen Schlachtens, gewahrt.

Copyright:

Dr. Hanna Rheinz

Email HannaRheinz@aol.com,  www.tierimjudentum.de

 

 

OFFENER BRIEF

AN DIE PRÄSIDENTIN DES ZENTRALRATS DER JUDEN

IN DEUTSCHLAND

anläßlich

* der vom Zentralrat und einigen muslimischen Gruppierungen abgelehnten Veränderung der betäubungslosen Schächtpraxis,

* der gestoppten Bundsratsinitiative initiiert vom Land Hessen,

* der von nahezu Zweidritteln der deutschen Bevölkerung sowie

* der Bundestierärztekammer unterstützten Streichung von Nr. 2 Abs. 2 des § 4 a des Tierschutzgesetzes (Abschaffung des religiös motivierten betäubungslosen Schlachtens).

 

Zusammenfassung der Aussage des Offenen Briefes:

Schächten unter Einsatz von reversibler Elektrokurzzeitbetäubung mindert die Religionsfreiheit nicht, sondern ermöglicht erst ein zeitgemäßes schonendes Schlachten im Sinn des Jüdischen Tierschutzgebotes.

18. Juli 2008

Liebe Frau Knobloch,

Jahre bevor Sie zur Präsidentin des Zentralrats der Juden gewählt worden sind, haben Sie zum Jüdischen Neujahrsfest Rosch Haschana in der Synagoge in München eine Unterstützung der Jüdischen Tierschutzinitiative versprochen. Heute ist all dies vergessen.

Der Zentralrat der Juden zeigt kein Interesse an einer Umsetzung der Jüdischen Tierschutzgebote. Unter Berufung auf Rabbiner, die sich nur in den allerwenigsten Fällen mit der aktuellen Schächt-Problematik in Europa befassen, und unter Berufung auf Muslime, die selbst Laien erlauben nach eigenem Gutdünken Tiere zu schächten, demonstriert der Zentralrat, daß er vor den tierschutzwidrigen Zuständen beim betäubungslosen Schächten die Augen verschließen will. Dies, obwohl jüdische Menschen weltweit zu den ersten Tierschützern überhaupt gehörten. Dies, obwohl gerade die jüdische Ethik nicht nur den Schutz der Tiere, sondern ausdrücklich auch die Rechte der Tiere und die Heiligkeit des Lebens aller Lebewesen, auch der sogenannten Nutztiere betont.

Tiere galten im Judentum als Mitgeschöpfe mit eigenen Rechten, lange bevor diese Begriffe Eingang in die Sprache fanden. Das betäubungslose Schächten wie es praktiziert und geduldet wird, entspricht nicht mehr dem jüdischen Tierschutz. Hinter vorgehaltener Hand ist dies allen längst klar: Was wir den Tieren heute zumuten, die Qualen in den Tierfabriken und in den Schlachtanlagen - all dies ist nicht vereinbar mit der Halacha, dem Jüdischen Religionsgesetz. Schächten im Akkord und vor den Augen der anderen Tiere ist unzumutbar. Die heute gezüchteten Großtierrassen führen zu einer hohen Fehlerquote beim Schächten.

All dies ist den informierten jüdischen Repräsentanten und vielen Rabbinern bekannt. All dies ist auch Ihnen bekannt. Hinter vorgehaltener Hand und im Verschwiegenen wird die Schächtpraxis kritisiert und als unliebsame Last bezeichnet. Doch niemand hat den Mut, diese unbequeme Wahrheit offen anzusprechen, aus Furcht vor Sanktionen. Dabei liegt es auf der Hand, daß die Methoden des betäubungslosen Schächtens heute nicht mehr mit den Zielsetzungen des jüdischen Religionsgesetzes vereinbar sind. Wie kann denn eine Tierzucht, die das individuelle Tier zu Biomaterial degradiert, es gentechnologisch verstümmelt, wie kann die industrielle Tierproduktion in Fleischfabriken, Fließband-Haltung und Akkord-Schlachtung der Tiere in Einklang mit den jüdischen Tierschutzgesetzen stehen? Uns ist die Jagd und der Sport mit Tieren verboten, weil sie zu grausamer und tierquälerischer Behandlung von Tieren führen. Sogar Kastrationen von Tieren sind im orthodoxen Judentum untersagt, weil sie ein Eingriff in die körperliche Unversehrtheit des Tieres sind, und früher nicht unter Betäubung vorgenommen wurden.

Viele jüdische Menschen haben den Mißstand des betäubungslosen Schächtens bereits angeprangert. Ich nenne nur den Nobelpreisträger der Literatur Isaac Bashevis-Singer. Tierfreundlichkeit ist eine genuin jüdische Tugend. Dies haben zu allen Zeiten auch viele Rabbiner erkannt. Aus diesem Grunde verpflichtete uns das Religionsgesetz dazu, die für die Tiere schonendste Methode des Schlachtens zu wählen. Daß dies heute ohne Betäubung nicht möglich ist, ist unter Fachleuten unumstritten.

Wir akzeptieren, daß die Tiere von ihrer Natur entfremdet leben, daß sie mißbraucht und ausgebeutet werden, daß die Heiligkeit ihres Lebens zu einem Nichts, zu einer Identifikationsnummer in einer Produktionskette wird. Wir alle wissen, daß die Gebote des Judentums in all ihrer Strenge in den Fleischfabriken mit Füßen getreten werden. Wir wissen, daß das Verbot der Tierquälerei mißachtet wird beim gewaltsamen Treiben während des Transports und beim Schächten vor den Augen der Artgenossen.

Wir sind dazu aufgefordert, Erbarmen und Mitgefühl mit den Tieren, allen Tieren zu zeigen.

Ich fordere Sie, ich fordere die Rabbiner auf, sich dieser Gebote bewußt zu werden und sie umzusetzen. Die Pflicht, das Verbot von Tza`ar Ba`alei chayim (Tierquälerei) zu achten, ist ethisch höher zu bewerten als das historisch entstandene Schächthandwerk. Durch Einführung von Schächtapparaten ist es stillschweigend längst verändert worden; doch diese Fixierungsmethoden haben das Leid der Tiere, die zwischen Metallstangen und Platten gepreßt, widernatürlich und unter Panik und Schmerzen in Seiten-, oder Rückenlage gedreht werden, nochmals erhöht.

Das Fleisch gequälter Tiere ist nicht koscher! Im Namen der Initiative Jüdischer Tierschutz frage ich Sie, wann der Zentralrat der Juden in Deutschland endlich Stellung bezieht und gemeinsam mit den Rabbinern, die Vorschriften des Jüdischen Religionsgesetzes, Tiere in schonendster Weise zu schlachten, umsetzt? Es gibt aus halachischer Sicht keinen Grund, warum eine reversible Elektrokurzzeitbetäubung mit dem Gebot der schonendsten Tötung nicht vereinbar sein sollte, denn ein so betäubtes Tier ist nicht Aas. Die Religionsfreiheit wird durch eine Streichung von Nr. 2, Abs. 2 des § 4 a des Tierschutzgesetzes nicht bedroht!

Ich fordere Sie, die Rabbiner und die Kultusbeauftragten der Jüdischen Gemeinden dazu auf, deutlich zu machen, daß die Kaschrut, die auf ritueller Reinheit beruhenden Speisegesetze, nicht mit dem unsäglichen Leiden der Tiere zu vereinbaren sind.

Ich fordere dazu auf, endlich das Wegsehen zu beenden und den ethischen Herausforderungen unserer Zeit gerecht zu werden. Die unselige Verbindung von Schächtgegnerschaft und Antisemitismus, Tierschutz und Nationalsozialismus darf uns nicht daran hindern, die eigenen Tierschutzgebote umzusetzen. Besinnen wir uns auf die jüdische Ethik, die den Tieren Seele, Empfindsamkeit und Heiligkeit des Lebens zugesteht! Mitgefühl und Linderung des Leidens sind wichtiger als jedwede auch historisch geformte Schächttechnik!

Unterschrift und verantwortlich:

Dr. Hanna Rheinz

Initiative Jüdischer Tierschutz