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Interview mit Dr.
Erwin Kessler, Präsident des Vereines gegen Tierfabriken, Schweiz
von Roland Dunkel
"Ich fühle mich als Widerstandkämpfer, nicht
als Krimineller."

1989
wurde in der Schweiz der
Verein gegen Tierfabriken (VgT)
gegründet. Schonungslos werden seitdem die tagtäglich ablaufenden
Massenverbrechen an den sogenannten Nutztieren immer wieder aufgedeckt.
Präsident heute wie damals, ist Herr Dr. Erwin Kessler. Die stattliche Zahl von
inzwischen ca. 30.000 Mitgliedern verleiht dem Verein natürlich Gewicht.
So darf er sich zu den einflussreichsten Tierschutzorganisationen des Landes
zählen. Auf der Skala der gefürchtesten steht der VgT aber unangefochten an der
Spitze!
Herr Dr. Kessler, oder einfach nur Herr Kessler, wie spricht man den wohl
bekanntesten Tierschützer der Schweiz an?
Ganz unterschiedlich. Ich spalte die Nation! Und diese Spaltung geht durch
Parteien und Partnerschaften hindurch. Für die einen ein Held, für die anderen
das größte A... der Alpennordseite.
Ihren Doktortitel haben Sie sich im Bereich des Ingenieurwesens erworben. Ihre
Berufung scheint nun aber eine ganz andere zu sein. Wie kam es dazu, dass Sie
Ihre frühere Tätigkeit aufgaben und in ein völlig anderes »Fach« wechselten?
Das ist eine komplexe Frage. Und, da ich hier nicht meine Biografie darlegen
will, nur ein paar Stichworte: Ich habe seit meiner Kindheit einen emotionalen
Bezug zu Nutztieren und fühlte mich berufen und in der Lage etwas gegen das
Massenelend zu tun.
Hier in Deutschland, und gewiss auch anderswo, haben die »VgT-Nachrichten« in
vielen Köpfen das Bild der heilen Schweizer Welt, wo die Heidis und die Peters
in romantischer Weise das Vieh hüten, zunichte gemacht. Die beschauliche Schweiz
- also auch ein Tierausbeuterland mit Schweineboxen und Kettenhaltung in den
Kuhställen?
Ja, ganz genau. Die Schweiz hat ganz allgemein viel von ihrer historischen
Eigenständigkeit und Charakteristik verloren. Heute herrscht Anpassertum vor,
Anpassen an das Ausland, Globalisierung. Die Schweiz wird früher oder später
auch im EU-Monster aufgehen. Linke und Grüne betrachten das bei uns als
»Weltoffenheit«. Gleichzeitig kümmern sie sich immer weniger um Umwelt- und
Tierschutz. Tiefe Weltmarktpreise und ein buchstäblich grenzenloser Sozialstaat
ist das moderne Ideal der Masse.
In der EU ist niemand mehr verantwortlich. Brüssel entscheidet, »man hat sich in
Brüssel leider nicht durchsetzen können«, so wie z. B. bei den grauenhaften
Tiertransporten. Mit Politik ist kein Tierschutz zu machen. Deshalb setze ich
mich ein für vegetarische Ernährung. Tierquälerprodukte, die nicht konsumiert
werden, werden auch nicht produziert. Das ist die einzige Zukunftshoffnung, und
dagegen ist die Polit- und Agrar-Mafia machtlos.
Bleiben wir bei Ihrem Vereinsmagazin, den »VgT-Nachrichten«. Durch diese haben
Sie einen relativ hohen Bekanntheitsgrad erlangt. Wie hoch ist die Auflage und
warum werden Sie, trotz Ihrer Bekanntheit, von anderen Medien missachtet?
Die Auflage schwankt zwischen 100 000 und einer Million - je nach Streugebiet
und Finanzlage.
Das in der Schweiz wirklich herrschende Massenelend in den Mastbetrieben ist ein
politisches Tabu. Unsere Enthüllungen werden einerseits totgeschwiegen,
andererseits wird versucht meine Glaubwürdigkeit mit Verleumdungskampagnen zu
untergraben.
Von Tierrechtlern verehrt, von Tierquälern gefürchtet und bedroht. Wie lebt es
sich unter solchen Umständen?
Genau so, wie sich‘s niemand wünscht. Darum meine große Last, das Wissen: Wenn
ich das nicht mache, macht es niemand.
Herr Kessler, welche Eigenschaften zeichnen eine gute Tierrechtlerin, einen
guten Tierrechtler besonders aus?
Unbestechlichkeit und Geradlinigkeit, auch wenn es schmerzt, wenn man dafür
keinen Beifall erntet und geächtet wird.
Voraussetzungen, um Gerichtssäle auch mal von innen zu sehen?
Es war schon immer so in der Geschichte der Menschheit, dass ins Gefängnis
kommt, wer sich gegen Massenverbrechen des herrschenden Regimes auflehnt.
Streitigkeiten vor Gericht sind bei Ihnen keine Seltenheit. Man hört, dass Sie
dabei auf professionellen Beistand verzichten und stattdessen als Ihr eigener
Anwalt auftreten. Warum tun Sie das?
Vor allem aus Kostengründen. Rechtsanwälte für alle Verfahren beizuziehen würde
den VgT finanziell rasch ruinieren. Aber auch weil ich mich mit der Materie
besser auskenne, als Rechtsanwälte. Ich habe mir das nötige juristische Wissen
angeeignet und habe wo nötig die Beratung von Rechtsanwälten. Im jüngsten großen
Strafprozess gegen mich (5 Monate Gefängnis) bin ich von Anwälten vertreten, mit
denen ich eng zusammenarbeite. Aber gegen politische Justizwillkür sind auch die
besten Anwälte machtlos.
Justizwillkür?
Ja, da haben Sie ganz richtig gehört. In diesem Prozess ging es im Wesentlichen
um das Rassismusverbot. Es wird für politische Zwecke missbraucht, um unbequeme
Stimmen zum Schweigen zu bringen. In einem Gutachten bezeichnet der Freiburger
Rechtsprofessor Riklin dieses Urteil sogar als Wundertüte voller Widersprüche.
Es ging um die Schächt-Juden?
Richtig.
Wie kann man mehr über diesen Prozess erfahren?
Der ist - wie alle anderen wichtigen Verfahren - auf unserer Website ausführlich
dargestellt:
www.vgt.ch/justizwillkuer/index.htm
Tierrechtler werden oft als Extremisten bezeichnet. Wie denken Sie darüber?
Das ist der übliche Titel, welcher an Leute vergeben wird, die nicht mehr bereit
sind, sich am Egoismus dieser Gesellschaft und ihrer Führer zu beteiligen und
sich der rücksichtslosen, staatlich subventionierten Massen-Tierquälerei und
Umweltzerstörung entgegenstellen. Nicht als Extremisten, sondern als brave
Bürger gelten dagegen die gewerbsmäßigen Tierquäler und Tier-KZ-Leiter sowie die
gut bezahlten Beamten, welche diese Gesetzesbrecher regelmäßig vor Strafe
schützen. Ich bedaure jeden, der in dieser Gesellschaft kein »Extremist« ist und
sich so egoistisch angepasst hat, dass er in diesem Unrechtsstaat noch nicht
vorbestraft ist.
Aus diesem Grunde gehören auch die Gefängnisstrafen auf die Liste Ihrer
ehrenvollen Auszeichnungen und Tierschutzpreise?
Ja. Es ist eine Ehre, wegen Widerstand gegen einen Unrechtsstaat ins Gefängnis
zu kommen. Ich habe diese »Ehre« zwar nicht gesucht, aber ich fühle mich als
Widerstandskämpfer, nicht als Krimineller.
Ihre Ausdrucksweise sorgt gelegentlich für Unruhe. Zum Beispiel heizen Sie mit
Begriffen wie Holocaust und Tier-KZ die Gemüter an.
Das ist beabsichtigt, denn wer sich daran stößt, dass ich die genannten Begriffe
verwende, der ist ethisch so rückständig, dass er allen Ernstes behaupten kann,
Massenverbrechen an Tieren seien etwas ganz anderes als Verbrechen an Menschen.
Mit meiner bewusst provokativen Wortwahl bringe ich die Tierschutzdiskussion am
schnellsten an den entscheidenden Punkt und entlarve süffisante
Lippenbekenntnisse zum Tierschutz. Wobei dann in der Praxis wieder jede
Grausamkeit erlaubt ist, da es ja nur Tiere sind.
Diplomatisch hört sich das ja nicht gerade an.
Alles andere als Klartext führt zu nichts. Das haben uns doch die traditionellen
Tierschutzvereine seit Jahrzehnten vorgemacht.
Mit Tierquälerprodukten fressen wir nicht nur unseren Körper krank, sondern auch
die Seele. Man kann nicht dauernd ... Können Sie den Satz fortführen?
... nicht dauernd rücksichtslos Schuld auf sich laden und glauben dabei seelisch
gesund zu bleiben.
Perfekt! Aber die Aussage stammt ja schließlich auch von Ihnen persönlich.
Würden Sie uns den Hintergrund Ihrer Behauptung etwas näher erläutern?
Uff, das führt zu weit. Man lese doch einfach unsere Zeitschrift, dann wird
rasch klar, von welcher Schuld die Rede ist. Leider schauen viele Menschen
einfach weg, weil diese Berichte unerträglich seien. Für die Opfer in den
Tierfabriken ist das Leben aber noch viel unerträglicher und wir können uns
unserer Verantwortung für das, was wir konsumieren, nicht dadurch entziehen,
dass wir einfach wegschauen und nichts wissen wollen.
Zum Schluss noch ein Blick in die BRD. Hier zeichnet sich die Tierschutzbewegung
nicht gerade durch harmonische Einigkeit aus. Zum Beispiel geben sich Veganer
und Vegetarier alle Mühe, um sich das Leben gegenseitig zu erschweren. Was sagen
Sie dazu?
Das ist bei uns ähnlich. Ich bin auch oft angegriffen worden. Ein Fleischesser,
der einmal in der Woche einen vegetarischen Tag einschaltet, tut mit diesem
Schritt viel mehr gegen das Tierelend, als ein Veganer, der eines Tages noch ein
weiteres Produkt boykottiert, weil er darin ein Mikrogramm Zusatzstoffe
tierischen Ursprungs entdeckt hat.
Für mich ist wichtig, dass Menschen auf dem Weg sind und nicht wegschauen und
mit dem erreichten nicht selbstgefällig zufrieden sind, solange noch mehr getan
werden kann und muss. Man muss verstehen, dass die Änderung von
Konsumgewohnheiten für die meisten schwierig ist und Zeit braucht. Sehr viele
sind so willensschwach und egoistisch, dass sie es schon gar nicht versuchen und
auf dem bequemsten Weg durchs Leben gehen.
Dieser Weg ist aber ein armseliger Weg, für den es sich nicht wirklich lohnt zu
leben. Viele sehen das erst auf dem Totenbett oder noch später ein.
Herr Kessler, wir wünschen Ihnen auf Ihrem Weg weiterhin die Unbestechlichkeit
und Geradlinigkeit, die Sie als beispielhaften Tierrechtler auszeichnen. Das
DANKE, das wir Ihnen sagen, nicht nur für dieses Interview, schreiben wir mit
dicken, großen Buchstaben. Doch wie riesig würde es wohl ausfallen, könnten
Ihnen die Tiere danken!
Die Fragen stellte Roland Dunkel / AK
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