Arbeitskreis humaner

 

                    Tierschutz e.V.   (gegr.1991)

 
Startseite
Schächten
Jagd
Tierversuche
Massentierhaltung
Kirche und Tiere
Vegetarismus
Tierschutzunterricht
Weitere Themen
Newsletter
Links
Kontakt
Spenden
Mitgliedschaft
Impressum

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

zurück

 

Interview mit Dr. Erwin Kessler, Präsident des Vereines gegen Tierfabriken, Schweiz

von Roland Dunkel

"Ich fühle mich als Widerstandkämpfer, nicht als Krimineller."

Erwin Kessler

1989 wurde in der Schweiz der Verein gegen Tierfabriken (VgT) gegründet. Schonungslos werden seitdem die tagtäglich ablaufenden Massenverbrechen an den sogenannten Nutztieren immer wieder aufgedeckt. Präsident heute wie damals, ist Herr Dr. Erwin Kessler. Die stattliche Zahl von inzwischen ca. 30.000 Mitgliedern verleiht dem Verein natürlich Gewicht. So darf er sich zu den einflussreichsten Tierschutzorganisationen des Landes zählen. Auf der Skala der gefürchtesten steht der VgT aber unangefochten an der Spitze!

Herr Dr. Kessler, oder einfach nur Herr Kessler, wie spricht man den wohl bekanntesten Tierschützer der Schweiz an?
Ganz unterschiedlich. Ich spalte die Nation! Und diese Spaltung geht durch Parteien und Partnerschaften hindurch. Für die einen ein Held, für die anderen das größte A... der Alpennordseite.

Ihren Doktortitel haben Sie sich im Bereich des Ingenieurwesens erworben. Ihre Berufung scheint nun aber eine ganz andere zu sein. Wie kam es dazu, dass Sie Ihre frühere Tätigkeit  aufgaben und in ein völlig anderes »Fach« wechselten?

Das ist eine komplexe Frage. Und, da ich hier nicht meine Biografie darlegen will, nur ein paar Stichworte: Ich habe seit meiner Kindheit einen emotionalen Bezug zu Nutztieren und fühlte mich berufen und in der Lage etwas gegen das Massenelend zu tun.

Hier in Deutschland, und gewiss auch anderswo, haben die »VgT-Nachrichten« in vielen Köpfen das Bild der heilen Schweizer Welt, wo die Heidis und die Peters in romantischer Weise das Vieh hüten, zunichte gemacht. Die beschauliche Schweiz -  also auch ein Tierausbeuterland mit Schweineboxen und Kettenhaltung in den Kuhställen?

Ja, ganz genau. Die Schweiz hat ganz allgemein viel von ihrer historischen Eigenständigkeit und Charakteristik verloren. Heute herrscht Anpassertum vor, Anpassen an das Ausland, Globalisierung. Die Schweiz wird früher oder später auch im EU-Monster aufgehen. Linke und Grüne betrachten das bei uns als »Weltoffenheit«. Gleichzeitig kümmern sie sich immer weniger um Umwelt- und Tierschutz. Tiefe Weltmarktpreise und ein buchstäblich grenzenloser Sozialstaat ist das moderne Ideal der Masse.
In der EU ist niemand mehr verantwortlich. Brüssel entscheidet, »man hat sich in Brüssel leider nicht durchsetzen können«, so wie z. B. bei den grauenhaften Tiertransporten. Mit Politik ist kein Tierschutz zu machen. Deshalb setze ich mich ein für vegetarische Ernährung. Tierquälerprodukte, die nicht konsumiert werden, werden auch nicht produziert. Das ist die einzige Zukunftshoffnung, und dagegen ist die Polit- und Agrar-Mafia machtlos.

Bleiben wir bei Ihrem Vereinsmagazin, den »VgT-Nachrichten«. Durch diese haben Sie einen relativ hohen Bekanntheitsgrad erlangt. Wie hoch ist die Auflage und warum werden Sie, trotz Ihrer Bekanntheit, von anderen Medien missachtet?

Die Auflage schwankt zwischen 100 000 und einer Million - je nach Streugebiet und Finanzlage.
Das in der Schweiz wirklich herrschende Massenelend in den Mastbetrieben ist ein politisches Tabu. Unsere Enthüllungen werden einerseits totgeschwiegen, andererseits wird versucht meine Glaubwürdigkeit mit Verleumdungskampagnen zu untergraben.

Von Tierrechtlern verehrt, von Tierquälern gefürchtet und bedroht. Wie lebt es sich unter solchen Umständen?

Genau so, wie sich‘s niemand wünscht. Darum meine große Last, das Wissen: Wenn ich das nicht mache, macht es niemand.

Herr Kessler, welche Eigenschaften zeichnen eine gute Tierrechtlerin, einen guten Tierrechtler besonders aus?

Unbestechlichkeit und Geradlinigkeit, auch wenn es schmerzt, wenn man dafür keinen Beifall erntet und geächtet wird.

Voraussetzungen, um Gerichtssäle auch mal von innen zu sehen?
Es war schon immer so in der Geschichte der Menschheit, dass ins Gefängnis kommt, wer sich gegen Massenverbrechen des herrschenden Regimes auflehnt.

Streitigkeiten vor Gericht sind bei Ihnen keine Seltenheit. Man hört, dass Sie dabei auf professionellen Beistand verzichten und stattdessen als Ihr eigener Anwalt auftreten. Warum tun Sie das?

Vor allem aus Kostengründen. Rechtsanwälte für alle Verfahren beizuziehen würde den VgT finanziell rasch ruinieren. Aber auch weil ich mich mit der Materie besser auskenne, als Rechtsanwälte. Ich habe mir das nötige juristische Wissen angeeignet und habe wo nötig die Beratung von Rechtsanwälten. Im jüngsten großen Strafprozess gegen mich (5 Monate Gefängnis) bin ich von Anwälten vertreten, mit denen ich eng zusammenarbeite. Aber gegen politische Justizwillkür sind auch die besten Anwälte machtlos.

Justizwillkür?

Ja, da haben Sie ganz richtig gehört. In diesem Prozess ging es im Wesentlichen um das Rassismusverbot. Es wird für politische Zwecke missbraucht, um unbequeme Stimmen zum Schweigen zu bringen. In einem Gutachten bezeichnet der Freiburger Rechtsprofessor Riklin dieses Urteil sogar als Wundertüte voller Widersprüche.

Es ging um die Schächt-Juden?
Richtig.

Wie kann man mehr über diesen Prozess erfahren?

Der ist - wie alle anderen wichtigen Verfahren - auf unserer Website ausführlich dargestellt: www.vgt.ch/justizwillkuer/index.htm

Tierrechtler werden oft als Extremisten bezeichnet. Wie denken Sie darüber?

Das ist der übliche Titel, welcher an Leute vergeben wird, die nicht mehr bereit sind, sich am Egoismus dieser Gesellschaft und ihrer Führer zu beteiligen und sich der rücksichtslosen, staatlich subventionierten Massen-Tierquälerei und Umweltzerstörung entgegenstellen. Nicht als Extremisten, sondern als brave Bürger gelten dagegen die gewerbsmäßigen Tierquäler und Tier-KZ-Leiter sowie die gut bezahlten Beamten, welche diese Gesetzesbrecher regelmäßig vor Strafe schützen. Ich bedaure jeden, der in dieser Gesellschaft kein »Extremist« ist und sich so egoistisch angepasst hat, dass er in diesem Unrechtsstaat noch nicht vorbestraft ist.

Aus diesem Grunde gehören auch die Gefängnisstrafen auf die Liste Ihrer ehrenvollen Auszeichnungen und Tierschutzpreise?

Ja. Es ist eine Ehre, wegen Widerstand gegen einen Unrechtsstaat ins Gefängnis zu kommen. Ich habe diese »Ehre« zwar nicht gesucht, aber ich fühle mich als Widerstandskämpfer, nicht als Krimineller.
 

Ihre Ausdrucksweise sorgt gelegentlich für Unruhe. Zum Beispiel heizen Sie mit Begriffen wie Holocaust und Tier-KZ die Gemüter an.
Das ist beabsichtigt, denn wer sich daran stößt, dass ich die genannten Begriffe verwende, der ist ethisch so rückständig, dass er allen Ernstes behaupten kann, Massenverbrechen an Tieren seien etwas ganz anderes als Verbrechen an Menschen. Mit meiner bewusst provokativen Wortwahl bringe ich die Tierschutzdiskussion am schnellsten an den entscheidenden Punkt und entlarve süffisante Lippenbekenntnisse zum Tierschutz. Wobei dann in der Praxis wieder jede Grausamkeit erlaubt ist, da es ja nur Tiere sind.

Diplomatisch hört sich das ja nicht gerade an.

Alles andere als Klartext führt zu nichts. Das haben uns doch die traditionellen Tierschutzvereine seit Jahrzehnten vorgemacht.

Mit Tierquälerprodukten fressen wir nicht nur unseren Körper krank, sondern auch die Seele. Man kann nicht dauernd ...    Können Sie den Satz fortführen?

... nicht dauernd rücksichtslos Schuld auf sich laden und glauben dabei seelisch gesund zu bleiben.

Perfekt! Aber die Aussage stammt ja schließlich auch von Ihnen persönlich. Würden Sie uns den Hintergrund Ihrer Behauptung etwas näher erläutern?

Uff, das führt zu weit. Man lese doch einfach unsere Zeitschrift, dann wird rasch klar, von welcher Schuld die Rede ist. Leider schauen viele Menschen einfach weg, weil diese Berichte unerträglich seien. Für die Opfer in den Tierfabriken ist das Leben aber noch viel unerträglicher und wir können uns unserer Verantwortung für das, was wir konsumieren, nicht dadurch entziehen, dass wir einfach wegschauen und nichts wissen wollen.

Zum Schluss noch ein Blick in die BRD. Hier zeichnet sich die Tierschutzbewegung nicht gerade durch harmonische Einigkeit aus. Zum Beispiel geben sich Veganer und Vegetarier alle Mühe, um sich das Leben gegenseitig zu erschweren. Was sagen Sie dazu?

Das ist bei uns ähnlich. Ich bin auch oft angegriffen worden. Ein Fleischesser, der einmal in der Woche einen vegetarischen Tag einschaltet, tut mit diesem Schritt viel mehr gegen das Tierelend, als ein Veganer, der eines Tages noch ein weiteres Produkt boykottiert, weil er darin ein Mikrogramm Zusatzstoffe tierischen Ursprungs entdeckt hat.
Für mich ist wichtig, dass Menschen auf dem Weg sind und nicht wegschauen und mit dem erreichten nicht selbstgefällig zufrieden sind, solange noch mehr getan werden kann und muss. Man muss verstehen, dass die Änderung von Konsumgewohnheiten für die meisten schwierig ist und Zeit braucht. Sehr viele sind so willensschwach und egoistisch, dass sie es schon gar nicht versuchen und auf dem bequemsten Weg durchs Leben gehen.
Dieser Weg ist aber ein armseliger Weg, für den es sich nicht wirklich lohnt zu leben. Viele sehen das erst auf dem Totenbett oder noch später ein.


Herr Kessler, wir wünschen Ihnen auf Ihrem Weg weiterhin die Unbestechlichkeit und Geradlinigkeit, die Sie als beispielhaften Tierrechtler auszeichnen. Das DANKE, das wir Ihnen sagen, nicht nur für dieses Interview, schreiben wir mit dicken, großen Buchstaben. Doch wie riesig würde es wohl ausfallen, könnten Ihnen die Tiere danken!


Die Fragen stellte Roland Dunkel / AK