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Ökologie
- Umweltschutz - Mitwelt - Tierrechte
Abermillionen
empfindender, leidensfähiger Tiere werden Tag für Tag ihrer Bewegungsfreiheit
beraubt, aus Gewinn- und Genussgründen systematisch gequält und ausgebeutet –
staatlich geduldet und gefördert, aber auch von der Mehrheit der Bevölkerung
billigend oder gleichgültig hingenommen. Die Sprache muss erst noch erfunden
werden, um die Qualen der »Nutz«- und Versuchstiere beschreiben zu können.
Selbst in der Umweltbewegung tritt nur eine Minderheit aktiv für die Bedürfnisse
und Rechte dieser Tiere ein, obwohl der Tierschutz auch aus ökologischen Gründen
erforderlich ist. Dieser Aspekt soll im Folgenden aufgewiesen werden, um auch
daraus Rechte der Tiere abzuleiten.
Umweltschäden durch Tierhaltungen
Gegen die
Intensiv-Massentierhaltung, eine der Abarten des Fließband-Industrialismus,
sprechen u.a. folgende ökologische Gründe:
Anfall riesiger Mengen an Gülle, die mit Pharmaresten belastet ist und die im
Übermaß auf zuwenig Nutzfläche ausgebracht wird. Folgen: Belastung der
Bodenfunktionen und Schädigung von Grundwasser, Flüssen und Seen.
Luftverschmutzung durch Ammoniak, das aus der Gülle ausgast, sich zum Teil
in Salpetersäure umwandelt und den sauren Regen mitverursacht. Auch die
Luftbelastung durch Stickstoff ist teilweise auf Gülle und Mist
zurückzuführen.
Das bei der Massentierhaltung im Übermaß anfallende Methan, zweitwichtigstes
Treibhausgas, vergrößert das Ozonloch und verändert das Klima mindestens
ebenso wie das Kohlendioxid. Ein Drittel aller Methanemissionen in Deutschland
(ca. 2 Mio t jährlich) wird ebenfalls durch die Massentierhaltung verursacht,
weil die organischen Stoffe der Gülle fast vollständig zu Methan abgebaut
werden. Zum Vergleich: Bei der Festmisthaltung, wie im Ökolandbau üblich,
sind es gerade einmal 5 %.
Des weiteren wird Methan aus den Pansen der Wiederkäuer emittiert (eine Kuh
sondert täglich 120-200 Liter Methan ab, das sind um die 80 Mio t. jährlich
weltweit; weitere 35 Mio t werden auf tierische Exkremente in den Mastanlagen
und fabrikartigen Viehhaltungen zurückgeführt).
Gleich mehrere Forschungsinstitute kamen zu dem Ergebnis, dass 40% der
klimarelevanten Emissionen, die in der Viehwirtschaft entstehen, durch Verzicht
auf die Fleisch- und Futtermittelproduktion eingespart werden könnten. Es sei
möglich und notwendig, den Anteil der Massentierhaltung an den Treibhausgasen
durch eine drastische Reduzierung der Viehbestände sowie durch die Koppelung von
Tierhaltung und Pflanzenproduktion um die Hälfte zu vermindern.
Wenn die Zahl der Tiere konsequent an die Größe der Flächen gebunden werde,
könnten z.B. die Exkremente ökologisch sinnvoll auf den eigenen Feldern
verwendet werden. Dadurch ließen sich zugleich mineralische Dünger und die
Energie für ihre Herstellung sparen. Auch der Nordsee zuliebe sollte – laut
Umweltbundesamt – der Tierbestand um 50 % verringert werden.
Um viel Futtermittel anzubauen und um die Güllemassen auf gülleschluckenden
Feldern unterzubringen, werden riesige Felder mit Monokulturen bepflanzt,
besonders mit Mais, weil Mais eine der wenigen Nutzpflanzen ist, die große
Güllemengen verkraften.
Futtergetreide ist selbst ein höchst energieaufwendiges Produkt.
Intensivtierhaltung bedeutet Energieverschwendung durch Kunstdünger für
Futterpflanzen, für die Vieh- und Fleischtransporte über Hunderte, ja
Tausende von Kilometern, für die Kühlhäuser und Schlachtbetriebe, für die
automatisierten Fütterungs- und Stallklimaanlagen. Dazu kommt ein hoher
Wasserverbrauch für die Irrigation der Futterpflanzen und das Tränken.
Brandrodungen und Bodenerosionen in den tropischen und subtropischen
Gebieten sind hauptsächlich durch die Massentierhaltungen verursacht. Viehweiden
fallen der Erosion und Wüstenbildung zum Opfer. Ökologisch nicht dauerhafte
Weidemethoden und Viehhaltungen sind somit auch eine der Ursachen des
Artenschwundes. Die übergroße und ressourcenintensive Viehwirtschaft ist weder
an die Ökosysteme angepasst noch anpassbar. (Einzelheiten dazu ausführlich in
den Jahresberichten des World Watch Institute)
In seinem Buch »Das Imperium der Rinder« über Aufstieg und Fall der
Viehzuchtkultur gibt Jeremy Rifkin einen eindrucksvollen Überblick und eine
Bilanz der rücksichtslosen Angriffe auf die Ökosysteme der Erde durch die
Viehzucht und deren Landverbrauch für Viehfutter. Er nennt die Viehzucht »eine
der am meisten umweltzerstörenden Bedrohungen der modernen Zeit.«
Allein 1,3 Milliarden Rinder bevölkern heute die Erde. Sie grasen auf fast 25 %
der gesamten Landmasse des Planeten, und die Getreidemenge, die sie zusätzlich
verbrauchen, würde reichen, um einige hundert Millionen Menschen zu ernähren.
»Eine Zeitlang glaubten wir in Deutschland, das Umweltproblem der Rinderhaltung
sei bloß ein Gülleproblem. Weit gefehlt. Wenn wir die Waldrodung für
Weideflächen und Futtermittel einbeziehen, ist der Beitrag der Rinderhaltung zum
Treibhauseffekt ähnlich groß wie der des gesamten Autoverkehrs. Die Verwandlung
von Savannen in Wüsten, die Erosion in Berggebieten, der übermäßige Wasserbedarf
der Rinder, der gigantische Energiebedarf der Mastviehhaltung sind einige
weitere Gründe dafür, dass wir mit jedem Pfund Rindfleisch der Umwelt schwer
zusetzen.« (Aus dem Vorwort von Ernst U. von Weizsäcker)
Ökologische Probleme wie die Folgen der immer wieder neu auftretenden Ölpest
oder der Gewässerbelastungen sind schließlich auch unter dem Gesichtspunkt des
Tierschutzes zu betrachten. Umweltschutz ist eine Voraussetzung für den
Tierschutz u.a. deshalb, weil er über Naturschutz eng mit dem Artenschutz
verbunden ist. Tier-, Natur- und Umweltschutz sind natürliche Verbündete.
Der Biotopschutz im Rahmen des Natur- und Artenschutzes ist Lebensvoraussetzung
für alle freilebenden Wildtiere. Naturschutz (als praktisch angewandte Ökologie)
und Tierschutz gehören zusammen, im Einsatz für die Erhaltung der Lebensräume
vieler Tiere durch den Verzicht auf Flussbegradigungen, Entwässerungen von
Feuchtgebieten, Rodungen von Hecken und Feldgehölzen, weitere Rationalisierung
der Land- und Forstwirtschaft, durch Verzicht auf Zersiedlung und Überbauung
naturnaher Landschaften.
Fazit: Umweltzerstörungen wie Wasserverschmutzung oder Verlust
kulturfähigen Landes werden in großem Umfang durch die massenhafte Haltung und
intensive Ausbeutung von Tieren verursacht. Tierschutz und Schutz der Erde
gehören also zusammen.
Der Vegetarismus gehört dazu: Der heutige Fleisch- und Fettverbrauch
verursacht die Massentierhaltung und ist nicht nur mitschuldig an der
Tierquälerei sondern auch an den ökologischen Folgen und Begleitumständen. Ohne
den Konsum tierischer Produkte wäre eine weit weniger intensive, eine
natürlichere Landwirtschaft vorhanden.
Anthropozentrismus, Speziesismus, Tierrechte
Ökologisches
Denken und Handeln bedeutet zunächst, den kollektiv-egoistischen, überheblichen
Anthropozentrismus zu überwinden, aus dem sich der absolute Vorrang und
die Ausbeutungsermächtigung gegenüber allen anderen Lebewesen ableitet. Selbst
im Begriff »Umwelt« steckt noch der »anthropozentrische Mittelpunktswahn«
(Hoimar von Ditfurth): Im Zentrum der Mensch und um ihn herum zugriffsbereit die
»Umwelt« – also auch die Tiere. Ökologisches Bewusstsein und Mitweltethik als
Bewältigungsvoraussetzung des Mittelpunktwahns bedeuten folglich, auch überzeugt
zu sein, dass ein jedes Wesen der lebendigen Welt, unabhängig von den
menschlichen Zwecken, ein eigenständiges Recht hat, sich zu entfalten, wie es im
Rahmen des Gesamten sinnvoll ist.
Tiere nicht nur in ihrem Nutzen für den Menschen zu sehen sondern in
ihrer (nicht immer erkennbaren) Funktion im komplexen Geflecht des
Naturhaushalts und somit auch in ihrem Eigenwert heißt, Ökologie und Tierschutz
als zusammengehörig zu begreifen. Daraus folgen Pflichten gegenüber den Tieren
sowohl in Bezug auf ihre Arterhaltung wie in Bezug auf ihr artgemäßes
Wohlergehen, soweit sie in menschlicher Obhut sind.
Artenvielfalt und Artenschutz (Ökologie) und individuelle Entfaltung
(Tierschutz) treffen hier zusammen. Tierrrechtsethik kann sich nur in ständiger,
konfrontativer Auseinander- setzung mit dem Anthropozentrismus entwickeln. Auch
darin zeigt sich die Parallele zum Anliegen der politischen Ökologie.
Der sich in der Tierausbeutung zeigende Anthropozentrismus wird auch als
»Speziesismus« bezeichnet. Gemeint ist die Ansicht, die Angehörigen der Spezies
homo sapiens seien den Angehörigen aller anderen Arten gegenüber allein deshalb
höherwertig, weil sie zu dieser Spezies gehören. So ist Speziesismus eine Art
Rassismus gegenüber den Tieren.
Ausbeuterische Rechte aus der Zugehörigkeit zu einer Spezies abzuleiten, ist
nach den Maßstäben der Gerechtigkeit und der Menschenwürde ebenso widersinnig
wie deren Ableitung aus der Zugehörigkeit zu einer Rasse, einer Nation, einem
Geschlecht oder einer Religion.
Rassismus als Menschenausbeutung und –abwertung und letztlich Massenmord
vollzieht sich aber auch gegenüber Tieren als Speziesismus, als Rassismus
auf der Ebene der Art. Die Opfer sind andere, doch die Denkweisen und
Mechanismen der praktischen Durchführung sind die gleichen. Die »Minderwertigen«
werden von denen, die sich »höherwertig« wähnen, zu Objekten erklärt und der
Ausbeutung, Misshandlung und Vernichtung preisgegeben.
»Legebatterien«, Mastfabriken, Pelztier«farmen«, Versuchslabors sind
Konzentrationslager für Tiere, weil sie in ihnen massenhaft auch auf
industrielle Art nach ihrer Entrechtung verwertet und vernichtet werden. Wer
Gewalt gegen Menschen verurteilt, aber Gewalt gegen Tiere duldet oder fördert,
praktiziert somit eine Variante des Rassismus.
Demgegenüber steht die artübergreifende Dimension der Gerechtigkeit, die
Anerkennung, dass die vom Menschen gejagten, gefangenen, pseudowissenschaftlich
missbrauchten, gegessenen, auf die verschiedensten Arten ausgenutzten Tiere ihr
eigenes Leben haben, ungeachtet der Nützlichkeit für die Menschen. Die
Zuerkennung von Rechten soll daher zum Ausdruck bringen, dass die Tiere nicht
länger als bloße Objekte zu betrachten sind, der Beliebigkeit menschlicher
Verfügung ausgesetzt. »Die Gründe, gesetzlich zugunsten der Kinder einzugreifen,
treffen nicht weniger zwingend auf diese unglücklichen Sklaven zu: die Tiere«
erkannte schon der Philosoph John Stuart Mill (1806-1873).
In den USA hat Prof. Tom Regan eine »Philosophie der Tierrechte« veröffentlicht,
in der er mit zehn Gründen darlegt, weshalb die Ethik unseres Umgangs mit den
Tieren dieselben fundamentalen moralischen Grundsätze anerkennen muss, die für
die Menschen gelten, und dass Tiere nicht dazu da sind, uns zu dienen, so wenig
wie Frauen dazu da sind, die Männer zu bedienen, Schwarze nicht dazu da sind,
Weißen zu dienen usw.
Regan begründet auch, warum die Philosophie der Tierrechte umweltgerecht
ist: »Die Umweltzerstörung, einschließlich Treibhauseffekt, Wasserverschmutzung,
Verlust kulturfähigen Landes oder des Mutterbodens wird in großem Umfang durch
die Ausbeutung der Tiere verursacht. Das gleiche trifft zu auf eine Vielzahl
weiterer Umweltprobleme, auf den sauren Regen und die Meeresverschmutzung, die
Luftverschmutzung und die Zerstörung der natürlichen Lebensräume. Bei alldem ist
der Schutz der betroffenen Tiere (die die ersten sind, die unter diesen
Umweltschäden leiden und zugrunde gehen) zugleich der Schutz der Erde.« Regan
zitiert John Wynne-Tyson: »Wenn wir nicht einen tiefempfundenen Sinn entwickeln
für die Verwandtschaft zwischen unserer eigenen Art und jenen Mitgeschöpfen, die
mit uns die Sonne und den Schatten des Lebens auf diesem gequälten Planeten
teilen, gibt es keine Hoffnung für die Umwelt, keine Hoffnung für uns
selbst.«
Eintreten für die Rechte der Tiere ist immer auch Kritik an der Industrie-
und Konsumgesellschaft und schon deshalb Teil der ökologischen Bewegung, die
sich ja gegen die rigorose Ausbeutung der Natur wendet. Hier geht es um die
Ausbeutung der Tiere, denen die fehlende rationale Reflexion über den Schmerz
nicht Leid erspart sondern vergrößert, weil ihnen Trost, Hoffnung und Zuversicht
fehlen.
Leonardo da Vinci muss einmal recht bekommen mit seinem Ausspruch, es werde die
Zeit kommen, in der das Verbrechen am Tier ebenso geahndet wird wie das
Verbrechen am Menschen.
Verfasser: Dipl.-Pol. Dr. Edgar Guhde/PAKT e.V. |