"Um eines kleinen
Bissens Fleisches willen..."
Von Christiane M. Haupt
Erschienen 1998 in
"Schutz für Mensch, Tier und Umwelt"
Es werden nur Tiere
angenommen, die tierschutzgerecht transportiert werden
und ordnungsgemäß gekennzeichnet sind", steht auf dem
Schild über der Betonrampe. Am Ende der Rampe liegt,
steif und bleich, ein totes Schwein. "Ja, manche sterben
schon während des Transportes. Kreislaufkollaps.
Was für ein Glück, dass
ich die alte Jacke mitgenommen habe. Obwohl erst Anfang
Oktober, ist es schneidend kalt, aber ich friere nicht
nur deswegen. Ich vergrabe die Hände in den Taschen,
zwinge mich zu einem freundlichen Gesicht und dazu, dem
Direktor des Schlachthofes zuzuhören, der mir eben
erklärt, dass man längst keine Lebenduntersuchung mehr
vornimmt, nur eine Lebendbeschau. 700 Schweine pro Tag,
wie sollte das auch gehen.
"Es sind eh keine kranken Tiere dabei. Die würden wir
sofort zurückschicken, und das kostet den Anlieferer
eine empfindliche Strafe. Das macht der einmal und dann
nicht wieder." Ich nicke pflichtschuldig - durch,
nur durchhalten, du musst diese sechs Wochen hinter dich
bringen - , was passiert mit kranken Schweinen?
"Da gibt es einen ganz speziellen Schlachthof." Ich
erfahre einiges über die Transportverordnungen, und wie
viel genauer man es heutzutage mit dem Tierschutz nimmt.
Das Wort, an diesem Ort gesprochen, klingt makaber.
So
etwas träumt man in bösen Träumen, aus denen man
schweißgebadet aufschreckt.
Inzwischen hat sich der
vielstimmig grunzende und quiekende
Doppeldecktransporter unter uns bis an die Rampe
heranrangiert. Einzelheiten sind in der morgendlichen
Dunkelheit kaum auszumachen; die Szenerie hat etwas
Unwirkliches und gemahnt an jene gespenstischen
Wochenschauen aus dem Krieg, an graue Waggonreihen
voller ängstlicher bleicher Gesichter an Laderampen,
über die geduckte Menschenmengen von gewehrtragenden
Männern getrieben werden. Plötzlich bin ich mittendrin.
So etwas träumt man in bösen Träumen, aus denen man
schweißgebadet aufschreckt: Inmitten wabernden Nebels,
in Eiseskälte und schmutzigem Zwielicht dieses unnennbar
böse Bauwerk, dieser flache, anonyme Klotz aus Beton und
Stahl und weißen Kacheln, ganz hinten am frosterstarrten
Waldesrand; hier geschieht das Unaussprechliche, wovon
niemand wissen will.
Die Schreie sind das erste, was ich höre an jenem
Morgen, als ich eintreffe, um ein Pflichtpraktikum
anzutreten, dessen Verweigerung für mich fünf verlorene
Studienjahre und das Scheitern aller Zukunftspläne
bedeutet hätte. Aber alles in mir – jede Faser, jeder
Gedanke – ist Verweigerung, ist Abscheu und Entsetzen
und das Bewusstsein nicht steigerbarer Ohnmacht:
Zusehen müssen, nichts tun können, und sie werden dich
zwingen mitzumachen, dich ebenfalls mit Blut zu
besudeln. Schon aus der Ferne, als ich aus dem Bus
steige, treffen die Schreie der Schweine mich wie ein
Messerstich. Sechs Wochen lang werden sie mir in den
Ohren gellen, Stunde für Stunde, ohne Unterlass.
Durchhalten.
Für dich ist es irgendwann zu Ende. Für die Tiere nie.
Ein kahler Hof, einige
Kühltransporter, Schweinehälften am Haken in einer grell
erleuchteten Türe. Alles peinlich sauber. Das ist die
Vorderfront. Ich suche nach dem Eingang, er ist seitlich
gelegen. Zwei Viehtransporter fahren an mir vorbei,
gelbe Scheinwerfer im Morgendunst. Mir weist ein fahles
Licht den Weg, erleuchtete Fenster. Ein paar Stufen,
dann bin ich drinnen, und jetzt ist alles nur
weißgekachelt. Keine Menschenseele zu sehen. Ein weißer
Gang, – da, der Umkleideraum für Damen. Fast sieben Uhr,
ich ziehe mich um: weiß, weiß, weiß. Der geliehene Helm
schaukelt grotesk auf den glatten Haaren. Die Stiefel
sind zu groß. Ich schlurfe wieder in den Gang, stoße
beinahe mit dem zuständigen Veterinär zusammen. Artige
Begrüßung. "Ich bin die neue Praktikantin." Bevor es
losgeht, die Formalitäten. "Ziehen Sie sich mal was
Warmes an, gehen Sie zum Direktor und geben Sie Ihr
Gesundheitszeugnis ab. Dr. XX sagt Ihnen dann, wo Sie
anfangen."
Der Direktor ist ein
jovialer Herr, der mir erst einmal von den guten alten
Zeiten erzählt, als der Schlachthof noch nicht
privatisiert war. Dann hört er leider damit auf und
beschließt, mich persönlich herumzuführen. Und so komme
ich also auf die Rampe. Rechter Hand kahle
Betongevierte, von eisigen Stahlstangen umgeben. Einige
sind bereits mit Schweinen gefüllt. "Wir beginnen hier
um fünf Uhr morgens." Geschubse, hier und da Krabbeleien,
ein paar neugierige Rüssel schieben sich durch die
Gitter, pfiffige Augen, andere unstet und verwirrt. Eine
große Sau geht beharrlich auf eine andere los; der
Direktor angelt nach einem Stock und schlägt sie
mehrfach auf den Kopf. "Die beißen sich sonst ganz
böse." Unten hat der Transporter die Holzklappe
heruntergelassen, die vordersten Schweine schrecken vor
dem wackeligen und abschüssigen Übergang zurück, doch
von hinten wird gedrängelt, da ein Treiber dazwischen
geklettert ist und kräftige Hiebe mit einem
Gummischlauch austeilt. Ich werde mich später nicht mehr
wundern über die vielen roten Striemen auf den
Schweinehälften.
"Der Elektrostab ist
für Schweine inzwischen verboten", doziert der Direktor.
Einige Tiere wagen strauchelnd und unsicher die ersten
Schritte, dann wogt der Rest hinterher, eins rutscht mit
dem Bein zwischen Klappe und Rampe, kommt wieder hoch,
hinkt weiter. Sie finden sich zwischen
Stahlverstrebungen wieder, die sie unentrinnbar in einen
noch leeren Pferch führen. Wenn es um eine Ecke geht,
verkeilen sich die vorderen Schweine, alle stecken fest,
und der Treiber flucht wütend und drischt auf die
hintersten ein, die panisch versuchen, auf ihre
Leidesgenossen zu springen. Der Direktor schüttelt den
Kopf. "Hirnlos. Einfach hirnlos. Wie oft habe ich schon
gesagt, dass es doch nichts bringt, die hintersten zu
prügeln!"
Während ich noch wie erstarrt dieses Schauspiel verfolge
– das ist bestimmt alles nicht wahr – du träumst –,
wendet er sich ab und begrüßt den Fahrer eines weiteren
Transportes, der neben den anderen gefahren ist und sich
jetzt zum Ausladen bereit macht. Warum es hier viel
schneller, aber auch mit noch viel mehr Geschrei
vonstatten geht, sehe ich erst, als hinter den
emporstolpernden Schweinen ein zweiter Mann aus dem
Laderaum auftaucht, denn was nicht schnell genug ist,
wird von ihm mit Elektroschocks bedacht. Ich starre den
Mann an, dann den Direktor, und dieser schüttelt ein
weiteres Mal den Kopf: "Also, Sie wissen doch, das ist
bei Schweinen jetzt verboten!" Der Mann blickt
ungläubig, dann steckt er das Gerät in die Tasche.
Wer spricht von der
Intelligenz und Neugier in den Augen eines Schweines?
Von hinten stupst mich
etwas in die Kniekehle, ich fahre herum und blicke in
zwei wache blaue Augen. Viele Tierfreunde kenne ich, die
enthusiastisch schwärmen von den ach so seelenvollen
Katzenaugen, dem treuen Hundeblick, – wer spricht von
der Intelligenz und Neugier in den Augen eines Schweines?
Ich werde diese Augen sehr bald noch anders kennen
lernen: Stumm schreiend vor Angst, von Schmerzen stumpf,
und dann blicklos, gebrochen, aus den Höhlen gerissen,
über den blutverschmierten Boden kollernd. Messerscharf
streift mich ein Gedanke, den ich in den folgenden
Wochen monoton noch viele hundert Male im Geiste
wiederholen werde: Fleischessen ist ein Verbrechen –
ein Verbrechen...
Danach ein kurzer Rundgang durch den Schlachthof, im
Pausenraum beginnend. Eine offene Fensterfront zur
Schlachthalle, in unendlicher Folge schweben am
Fliessband fahle, blutige Schweinehälften vorbei. Dessen
ungeachtet sitzen zwei Angestellte beim Frühstück.
Wurstbrot. Die weißen Kittel der beiden sind
blutverschmiert, unter einem Gummistiefel hängt ein
Fetzen Fleisch. Hier ist der unmenschliche Lärm noch
gedämpft, der mir wenig später ohrenbetäubend
entgegenschlägt, als ich in die Schlachthalle geführt
werde. Ich fahre zurück, weil eine Schweinehälfte scharf
um die Ecke saust und gegen die nächste klatscht. Sie
hat mich gestreift, warm und teigig. Das ist nicht
wahr – das ist absurd – unmöglich.
Unwillkürlich erwartet
man Ungeheuer ...
Alles zugleich stürzt
auf mich ein. Schneidende Schreie. Das Kreischen von
Maschinen. Blechgeklapper. Der durchdringende Gestank
nach verbrannten Haaren und versengter Haut. Der Dunst
von Blut und heißem Wasser. Gelächter, unbekümmerte
Rufe. Blitzende Messer, durch Sehnen gebohrte
Fleischerhaken, daran hängende halbe Tiere ohne Augen
und mit zuckenden Muskeln. Fleischbrocken und Organe,
die platschend in eine blutgefüllte Rinne fallen, so
dass der eklige Sud an mir hoch spritzt. Fettige
Fleischfasern am Boden, auf denen man ausrutscht.
Menschen in Weiß, von deren Kitteln das Blut rinnt,
unter den Helmen oder Käppis Gesichter, wie man sie
überall trifft: in der U-Bahn, im Kino, im Supermarkt.
Unwillkürlich erwartet man Ungeheuer, aber es ist der
nette Opa von nebenan, der flapsige junge Mann von der
Strasse, der gepflegte Herr aus der Bank. Ich werde
freundlich begrüßt. Der Direktor zeigt mir rasch noch
die heute leere Rinderschlachthalle – "Rinder sind
dienstags dran!" –, übergibt mich dann einer Dame und
enteilt; er hat zu tun. "Die Tötungshalle können Sie
sich ja selbst mal in aller Ruhe ansehen." Drei Wochen
werden vergehen, ehe ich mich dazu überwinde.
Der erste Tag ist für
mich noch Galgenfrist. Ich sitze in einem kleinen
Zimmerchen neben dem Pausenraum und schnippele Stunde um
Stunde kleine Fleischstückchen aus einem Eimer von
Proben, den regelmäßig eine blutige Hand aus der
Schlachthalle nachfüllt. Jedes Stückchen – ein Tier.
Das Ganze wird dann portionsweise zerhäckselt, mit
Salzsäure angesetzt und gekocht, für die
Trichinenuntersuchung. Die Dame zeigt mir alles. Man
findet nie Trichinen, aber es ist Vorschrift.
Am nächsten Tag werde
ich dann selbst zu einem Teil der gigantischen
Zerstückelungsmaschinerie. Eine rasche Einweisung –
"Hier, den Rest des Rachenringes entfernen und die
Mandibularlymphknoten anschneiden. Manchmal hängt noch
ein Hornschuh an den Klauen, den dann abmachen."–, und
ich schneide drauflos, es muss schnell gehen, das Band
läuft weiter, immer weiter. Über mir werden andere Teile
des Kadavers entfernt. Arbeitet der Kollege zu
schwungvoll, oder staut sich in der Rinne von mir zuviel
blutiger Sud, spritzt mir der Brei bis ins Gesicht. Ich
versuche, zur anderen Seite auszuweichen, doch da werden
mit einer riesigen, wassersprühenden Säge die Schweine
zerteilt; unmöglich kann man hier stehen, ohne nass bis
auf die Knochen zu werden. Mit zusammengebissenen Zähnen
säbele ich weiter, noch muss ich mich zu sehr eilen, um
über all das Grauen nachdenken zu können, und ausserdem
höllisch aufpassen, mir nicht in die Finger zu
schneiden.
Gleich am nächsten Tag
leihe ich mir von einer Kommilitonin, die das Ganze
schon hinter sich hat, einen Kettenhandschuh. Und höre
auf, die Schweine zu zählen, die triefend an mir
vorübergleiten. Auch Gummihandschuhe verwende ich nicht
länger. Zwar ist es grässlich, mit blossen Händen in den
warmen Leichen herumzuwühlen, doch da man sich
zwangsläufig bis an die Schultern beschmiert, läuft das
klebrige Gemisch der Körperflüssigkeiten ohnehin in die
Handschuhe hinein, so dass man sie sich auch sparen
kann. Wozu drehen sie noch Horrorfilme, wenn es das hier
gibt?
Die
wahren Unmenschen sind all jene, die diesen Massenmord
tagtäglich in Auftrag geben.
Bald ist das Messer
stumpf. "Geben Sie her – ich schleif Ihnen das mal!" Der
nette Opa, in Wahrheit ein altgedienter
Fleischbeschauer, zwinkert mir zu. Nachdem er das
geschärfte Messer zurückgebracht hat, schwätzt er ein
bisschen herum, erzählt mir einen Witz und geht wieder
an die Arbeit. Er nimmt mich auch künftig ein bisschen
unter seine Fittiche und zeigt mir manchen kleinen
Trick, der die Fliessbandarbeit erleichtert. "Gell?
Ihnen gefällt das hier alles nicht. Sehe ich doch. Aber
da muss man nun mal durch." Ich kann ihn nicht
unsympathisch finden, er gibt sich große Mühe, mich
etwas aufzuheitern. Auch die meisten anderen sind sehr
bemüht zu helfen; sicher machen sie sich lustig über die
vielen Praktikanten, die hier kommen und gehen, die erst
schockiert, dann mit zusammengebissenen Zähnen ihre Zeit
ableisten. Aber sie tun es gutmütig, Schikanen gibt es
nicht. Es gibt mir zu denken, dass ich – von einigen
wenigen Ausnahmen abgesehen – die hier arbeitenden Leute
gar nicht als Unmenschen empfinden kann, sie sind nur
abgestumpft, wie auch ich selbst mit der Zeit. Das ist
Selbstschutz. Man kann es sonst nicht ertragen. Nein,
die wahren Unmenschen sind all jene, die diesen
Massenmord tagtäglich in Auftrag geben, die durch ihre
Gier nach Fleisch Tiere zu einem erbärmlichen Dasein und
einem noch erbärmlicheren Ende – und andere Menschen zu
einer entwürdigenden und verrohenden Arbeit zwingen.
Langsam werde ich zu
einem kleinen Rädchen in dieser ungeheuren Automatik des
Todes. Irgendwann im Verlauf der nicht enden wollenden
Stunden werden die eintönigen Handgriffe mechanisch, und
mühsam. Fast erstickt durch die ohrenbetäubende
Kakophonie und Allgegenwärtigkeit unbeschreiblichen
Grauens, gräbt sich der Verstand aus den Tiefen
betäubter Sinne empor und fängt wieder an zu
funktionieren. Differenziert, ordnet, versucht zu
begreifen. Aber das ist unmöglich.
Als ich zum ersten Mal
bewusst erfasse – am zweiten oder dritten Tag – dass
ausgeblutete, abgeflammte und zersägte Schweine noch
zucken und mit dem Schwänzchen wackeln, bin ich nicht in
der Lage, mich zu bewegen. "Sie – sie zucken noch...",
sage ich, obwohl ich ja weiß, dass es nur die Nerven
sind, zu einem vorübergehenden Veterinär. Der grinst:
"Verflixt, da hat einer ‘nen Fehler gemacht – das ist
noch nicht richtig tot!" Gespenstischer Puls
durchzittert die Tierhälften, überall. Ein
Horrorkabinett. Mich friert bis ins Mark.
Schlachtnummer 530 an
jenem Tag, nie vergesse ich diese Zahl.
Wieder daheim lege ich
mich aufs Bett und starre an die Decke. Stunde für
Stunde. Jeden Tag. Meine nächste Umgebung reagiert
gereizt. "Guck nicht so unfreundlich. Lächle mal. Du
wolltest doch unbedingt Tierarzt werden." Tierarzt.
Nicht Tierschlächter. Ich halte es nicht aus. Diese
Kommentare. Diese Gleichgültigkeit. Diese
Selbstverständlichkeit des Mordens. Ich möchte, ich muss
sprechen, es mir von der Seele reden. Ich ersticke
daran. Von dem Schwein möchte ich erzählen, das nicht
mehr laufen konnte, mit gegrätschten Hinterbeinen dasaß.
Das sie solange traten und schlugen, bis sie es in die
Tötungsbox hineingeprügelt hatten. Das ich mir hinterher
ansah, als es zerteilt an mir vorüberpendelte:
beidseitiger Muskelabriss an den Innenschenkeln.
Schlachtnummer 530 an jenem Tag, nie vergesse ich diese
Zahl. Ich möchte von den Rinderschlachttagen erzählen,
von den sanften braunen Augen, die so voller Panik sind.
Von den Fluchtversuchen, von all den Schlägen und
Flüchen, bis das unselige Tier endlich im eisernen
Pferch zum Bolzenschuss bereit steht, mit Panoramablick
auf die Halle, wo die Artgenossen gehäutet und
zerstückelt werden, – dann der tödliche Schuss, im
nächsten Moment schon die Kette am Hinterfuß, die das
ausschlagende, sich windende Tier in die Höhe zieht,
während unten bereits der Kopf abgesäbelt wird. Und
immer noch, kopflos, Ströme von Blut ausspeiend, bäumt
der Leib sich auf, treten die Beine um sich... Erzählen
von dem grässlich-schmatzenden Geräusch, wenn eine Winde
die Haut vom Körper reißt, von der automatisierten
Rollbewegung der Finger, mit der die Abdecker die
Augäpfel – die verdrehten, rotgeäderten,
hervorquellenden – aus den Augenhöhlen klauben und in
ein Loch im Boden werfen, in dem der "Abfall"
verschwindet. Von der verschmierten Aluminiumrutsche,
auf der alle Innereien landen, die aus dem riesigen
geköpften Kadaver gerissen werden, und die dann, bis auf
Leber, Herz, Lungen und Zunge – zum Verzehr geeignet –
in einer Art Müllschlucker verschwinden.
Erzählen möchte ich,
dass immer wieder inmitten dieses schleimigen, blutigen
Berges ein trächtiger Uterus zu finden ist, dass ich
kleine, schon ganz fertig aussehende Kälbchen in allen
Größen gesehen habe, zart und nackt und mit
geschlossenen Augen in ihren schützenden Fruchtblasen,
die sie nicht zu schützen vermochten, – das kleinste so
winzig wie ein neugeborenes Kätzchen und doch eine
richtige Miniatur-Kuh, das größte weich behaart,
braunweiß und mit langen seidigen Wimpern, nur wenige
Wochen vor der Geburt. "Ist es nicht ein Wunder, was die
Natur so erschafft?" meint der Veterinär, der an diesem
Tag Dienst hat, und schiebt Uterus samt Fötus in den
gurgelnden Müllschlucker. Und ich weiß nun ganz sicher,
dass es keinen Gott geben kann, denn kein Blitz fährt
vom Himmel hernieder, diesen Frevel zu rächen, der
seinen Fortgang nimmt, wieder und wieder.
Als ich mittags gehe,
liegt sie immer noch und zuckt.
Auch für die erbärmlich
magere Kuh, die, als ich morgens um sieben komme,
krampfhaft zuckend im eisigen, zugigen Gang liegt kurz
vor der Tötungsbox, gibt es keinen Gott und niemanden,
der sich ihrer erbarmt in Form eines schnellen Schusses.
Erst müssen die übrigen Schlachttiere abgefertigt
werden. Als ich mittags gehe, liegt sie immer noch und
zuckt, niemand, trotz mehrfacher Aufforderung, hat sie
erlöst. Ich habe das Halfter, das unbarmherzig scharf in
ihr Fleisch schnitt, gelockert und ihre Stirn
gestreichelt. Sie blickt mich an mit ihren riesiggroßen
Augen, und ich erlebe nun selbst, dass Kühe weinen
können.
Meine Hände, Kittel,
Schürze und Stiefel sind besudelt vom Blute ihrer
Artgenossen, stundenlang habe ich unter dem Band
gestanden, Herzen und Lungen und Lebern aufgeschnitten,
– "Bei den Rindern saut man sich immer total ein", bin
ich bereits gewarnt worden.
Das ist es, wovon ich
berichten möchte, um es nicht allein tragen zu müssen, –
aber im Grunde will es keiner hören. Nicht, dass ich
während dieser Zeit nicht oft genug befragt werde. "Wie
ist es denn so im Schlachthof? Also, ich könnte das ja
nicht!" Ich grabe mir mit den Fingernägeln scharfe
Halbmonde in die Handflächen, um nicht in diese
mitleidigen Gesichter zu schlagen, oder um nicht den
Telefonhörer aus dem Fenster zu werfen, – schreien
möchte ich, aber längst hat all das, was ich tagtäglich
mitansehe, jeden Schrei in der Kehle erstickt. Keiner
hat gefragt, ob ich es kann. Reaktionen auf noch so
karge Antworten verraten Unbehagen ob des Themas. "Ja,
das ist ganz schrecklich, und wir essen auch nur noch
selten Fleisch." Oft werde ich angespornt: "Beiß die
Zähne zusammen, du musst da durch, und bald hast du es
ja hinter dir!" Für mich eine der schlimmsten,
herzlosesten und ignorantesten Äußerungen, denn das
Massaker geht weiter, Tag für Tag. Ich glaube, niemand
hat begriffen, dass mein Problem weniger darin bestand,
diese sechs Wochen zu überleben, sondern dass dieser
ungeheure Massenmord geschieht, millionenfach, – für
jeden geschieht, der Fleisch isst. Besonders jene
Fleischesser, die von sich behaupten, Tierfreunde zu
sein, werden für mich nun vollends unglaubwürdig.
"Hör auf – verdirb mir
nicht den Appetit!" Auch damit bin ich mehr als einmal
rigoros abgewürgt worden, gefolgt von der Steigerung:
"Du bist ein Terrorist! Jeder normale Mensch lacht dich
doch aus!" Wie allein man sich in solchen Augenblicken
vorkommt. Ab und zu sehe ich mir den kleinen Rinderfetus
an, den ich mit heimgenommen und in Formalin eingelegt
habe. Memento mori. Lass sie lachen, die "normalen
Menschen".
Sollte ich je den
Begriff ‚Angst’ bildlich darstellen, ich würde die
Schweine zeichnen
Die Dinge abstrahieren
sich, wenn man von soviel gewaltsamen Tod umgeben ist;
das eigene Leben erscheint unendlich bedeutungslos.
Irgendwann blickt man auf die anonymen Reihen
zerstückelter Schweine, die mäanderförmig durch die
Halle ziehen, und fragt sich: Wäre es anders, wenn hier
Menschen hingen? Insbesondere die rückwärtige Anatomie
der Schlachttiere, dick und pickelig und rotgefleckt,
erinnert verblüffend an das, was an sonnigen
Urlaubsstränden fettig unter engen Badehosen
hervorquillt. Auch die nicht endenwollenden Schreie, die
aus der Tötungshalle herübergellen, wenn die Schweine
den Tod spüren, könnten von Frauen oder Kindern stammen.
Abstumpfung bleibt nicht aus. Irgendwann denke ich nur
noch, aufhören, es soll aufhören, hoffentlich macht er
schnell mit den Elektrozangen, damit es endlich aufhört.
"Viele geben keinen Ton vor sich", hat einer der
Veterinäre einmal gesagt, "andere stehen eben da und
schreien völlig grundlos."
Ich sehe mir auch das
an, – wie sie dastehen und "völlig grundlos" schreien.
Mehr als die Hälfte des Praktikums ist vorüber, als ich
endlich in die Tötungshalle gehe, um sagen zu können:
"Ich habe gesehen." Hier schließt sich der Weg, der vorn
an der Laderampe beginnt. Der kahle Gang, in den alle
Pferche münden, verjüngt sich und führt eine Tür in
einen kleinen Wartepferch für jeweils vier oder fünf
Schweine. Sollte ich je den Begriff ‚Angst’ bildlich
darstellen, ich würde die Schweine zeichnen, die sich
hier gegen die hinter ihnen geschlossene Tür
zusammendrängen, ich würde ihre Augen zeichnen. Augen,
die ich niemals mehr vergessen kann. Augen, in die jeder
sehen sollte, den es nach Fleisch verlangt.
Mit Hilfe eines
Gummischlauches werden die Schweine separiert. Eines
wird nach vorn in einen Stand getrieben, der es von
allen Seiten umschließt. Es schreit, versucht nach
hinten auszubrechen, und häufig hat der Treiber alle
Hände voll zu tun, ehe er endlich mit einem elektrischen
Schieber den Stand schließen kann. Ein Knopfdruck, der
Boden des Standes wird durch eine Art fahrbaren
Schlitten ersetzt, auf dem sich das Schwein rittlings
wieder findet, ein zweiter Schieber vor ihm öffnet sich,
und der Schlitten mit dem Tier gleitet hinüber in eine
weitere Box. Der daneben stehende Grobschlächter – ich
habe ihn insgeheim immer ‚Frankenstein’ genannt – setzt
die Elektroden an; eine Dreipunktbetäubung, wie der
Direktor mir einst erklärt hat. Man sieht das Schwein
sich in der Box aufbäumen, dann klappt der Schlitten
weg, und das zuckende Tier schlägt auf einer
blutüberströmten Rutsche auf und zappelt mit den Beinen.
Auch hier wartet ein Grobschlächter, zielsicher trifft
das Messer unter dem rechten Vorderbein, ein Schwall
dunklen Blutes schießt hervor, und der Körper rutscht
weiter. Sekunden später hat sich bereits eine Eisenkette
um ein Hinterbein geschlossen und das Tier emporgezogen,
und der Grobschlächter legt das Messer ab, greift nach
einer verschmierten Cola-Flasche, die auf dem
zentimeterdick mit geronnenem Blut bedeckten Boden
steht, und genehmigt sich einen Schluck.
Feuer flammt auf, und
mehrere Sekunden lang werden die Körper herumgeschüttelt
und scheinen einen grotesken Springtanz aufzuführen.
Ich folge den am Haken
baumelnden, ausblutenden Kadavern in die "Hölle". So
habe ich den nächsten Raum genannt. Er ist hoch und
schwarz, voll von Russ, Gestank und Feuer. Nach einigen
bluttriefenden Kurven erreicht die Schweinereihe eine
Art riesigen Ofen. Hier wird entborstet. Von oben fallen
die Tiere in einen Auffangtrichter und gleiten in das
Innere der Maschine. Man kann hineinsehen. Feuer flammt
auf, und mehrere Sekunden lang werden die Körper
herumgeschüttelt und scheinen einen grotesken Springtanz
aufzuführen. Dann klatschen sie auf der anderen Seite
auf einen großen Tisch, werden sofort von zwei
Grobschlächtern ergriffen, die noch verbliebene Borsten
herunterkratzen, die Augäpfel herausreißen und die
Hornschuhe von den Klauen trennen. Einen Moment nur
dauert dies alles, hier wird im Akkord gearbeitet. Haken
durch die Sehnen der Hinterläufe, schon hängen die toten
Tiere wieder und gleiten nun zu einem stählernen Rahmen,
der wie ein Flammenwerfer konzipiert ist: Ein bellendes
Geräusch, und der Tierkörper wird von einem Dutzend
Stichflammen eingehüllt und einige Sekunden lang
abgeflammt. Das Fliessband setzt sich wieder in
Bewegung, führt in die nächste Halle, – jene, wo ich
schon drei Wochen lang gestanden habe. Die Organe werden
entnommen und auf dem oberen Fliessband bearbeitet:
Zunge durchtasten, Mandeln und Speiseröhre abtrennen und
fortwerfen, Lymphknoten anschneiden, Lunge zum Abfall,
Luftröhre und Herz eröffnen, Trichinenprobe entnehmen,
Gallenblase entfernen und Leber auf Wurmknoten
untersuche. Viele Schweine sind verwurmt, ihre Lebern
sind von Wurmknoten durchsetzt und müssen weggeworfen
werden. Alle übrigen Organe wie Magen, Darm und
Geschlechtsapparat landen im Abfall. Am unteren
Fliessband wird der Restkörper gebrauchsfertig gemacht:
zerteilt, Gelenke angeschnitten, After, Nieren und
Flomen entfernt, Gehirn und Rückenmark abgesaugt etc.,
dann Stempel auf Schulter, Nacken, Lende, Bauch und
Keule aufgebracht, gewogen und in die Kühlhalle
befördert. Nicht zum Verzehr geeignete Tiere werden
"vorläufig beschlagnahmt". Das Stempeln ist für den
ungeübten Schweißarbeit, die lauwarmen, glitschigen
Kadaver hängen zum Schluss des Bandes hin sehr hoch, und
will man nicht von ihnen erschlagen werden, muss man
sich beeilen, denn vor der Waage klatschen die Hälften
mit viel Wucht aufeinander.
Wie oft mein Blick in
all diesen Tagen zur Uhr schweift, die im Pausenraum
hängt, vermag ich nicht zu sagen. Ganz gewiss geht keine
Uhr auf der ganzen Welt langsamer als diese. Jeden
Vormittag ist zur Halbzeit eine Pause erlaubt, aufatmend
eile ich in den Waschraum, reinige mich notdürftig von
Blut und Fleischfetzen; mir ist, als ob diese Besudelung
und der Geruch für immer an mir haften. Hinaus, nur
hinaus. Ich habe in diesem Haus nie auch nur einen
Bissen essen können. Entweder verbringe ich die Pause,
so kalt es auch sein mag, draußen, laufe bis an den
Stacheldrahtzaun vor und starre hinüber auf die Felder
und den Waldrand, beobachte die Krähen. Oder ich gehe
zum jenseits der Strasse gelegenen Einkaufszentrum, dort
ist eine kleine Bäckerei, wo man sich bei einer Tasse
Kaffee aufwärmen kann. Zwanzig Minuten später zurück ans
Band.
Fleisch essen ist ein Verbrechen. Kein
Fleischesser kann je wieder mein Freund sein. Niemals.
Niemals wieder. Jeden, denke ich, jeden der Fleisch
isst, sollte man hier durchschicken, jeder müsste es
sehen, von Anfang bis Ende.
Das steril verschweißte
Schnitzel im Supermarkt hat keine Augen mehr.
Ich stehe hier nicht,
weil ich Tierarzt werden will, sondern weil Menschen
meinen, Fleisch essen zu müssen. Und nicht nur das
allein: Auch, weil sie feige sind. Das steril
verschweißte Schnitzel im Supermarkt hat keine Augen
mehr, die überquellen vor nackter Todesangst, es schreit
nicht mehr. Das alles ersparen sie sich, all jene, die
sich von geschändeten Leichen nähren: "Also, ich könnte
das nicht!"
Dann, eines Tages, kommt ein Bauer und bringt
Fleischproben zur Trichinenuntersuchung. Sein kleiner
Bub begleitet ihn, zehn oder elf Jahre alt vielleicht.
Ich sehe, wie das Kind seine Nase an der Scheibe platt
drückt, und denke: Wenn die Kinder es sähen, all dieses
Grauen, all die ermordeten Tiere, gäbe es da nicht noch
Hoffnung? Ich kann genau hören, wie der Bub nach seinem
Vater ruft. "Papi, schau mal! Geil! Diese große Säge da.
– "
Am Abend, im Fernsehen,
berichtet "Aktenzeichen XY ungelöst" von dem Verbrechen
an einem jungen Mädchen, das ermordet und zerstückelt
wurde, und vom namenlosen Entsetzen und Abscheu der
Bevölkerung auf diese Greueltat. "So etwas ähnliches
habe ich diese Woche 3.700mal mitangesehen", werfe ich
ein. Nun bin ich nicht mehr nur ein Terrorist, sondern
obendrein krank im Kopf. Weil ich Entsetzen und Abscheu
nicht nur wegen eines Menschenmordes empfinde, sondern
auch wegen des tausendfach mit Füssen getretenen Mordes
an Tieren: 3.700 mal nur in dieser einen Woche, nur in
diesem einen Schlachthof. Mensch sein – heisst
das nicht nein zu sagen und sich zu weigern,
Auftraggeber eines Massenmordes zu sein – für ein Stück
Fleisch? Sonderbare neue Welt.
Vielleicht hatten die winzigen, dem Mutterleib
entrissenen Kälbchen, die starben, bevor sie geboren
wurden, das beste Los von uns allen.
Irgendwann ist der
letzte all dieser nicht endenwollenden Tage gekommen.
Irgendwann halte ich die Praktikumsbestätigung in
Händen, einen Papierwisch, teurer bezahlt, als ich je
für irgendetwas bezahlt habe. Die Tür schließt sich,
eine zaghafte Novembersonne geleitet mich über den
kahlen Hof zum Bus. Schreie und Maschinenlärm werden
leiser. Als ich die Strasse überquere, biegt ein großer
Viehtransporter mit Anhänger in die Zufahrt zum
Schlachthof ein. Schweine auf zwei Etagen, dicht
gedrängt.
Ich gehe ohne einen
Blick zurück, denn ich habe Zeugnis abgelegt, und jetzt
will ich versuchen zu vergessen, um weiterleben zu
können. Kämpfen mögen nun andere; mir haben sie in jenem
Haus die Kraft dazu genommen, den Willen, die
Lebensfreude, und sie gegen Schuld und lähmende
Traurigkeit getauscht. Die Hölle ist unter uns,
vieltausendfach, Tag für Tag.
Eines aber
bleibt immer, jedem von uns: Nein zu sagen.
Nein,
nein und abermals nein!
|