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Von Blinden und einem imaginären Etwas
In den Augen
der meisten Menschen, und das sind ja immerhin so an die sieben
Milliarden, gelten die Tiere als untergeordnete Wesen. Ein
wesentlicher Grund dafür ist zweifellos die alles überragende
Intelligenz des Menschen. Ein anderer ist die weit verbreitete
These, Tiere seien seelenlose Geschöpfe. Doch das ist zweifellos
arrogant, weil noch nicht einmal ein Einziger unter den sieben
Milliarden etwas Verbindliches über seine eigene Seele sagen
kann. Tatsache ist allerdings, dass die Tiere, im Vergleich zu
den Menschen, vollkommen unreligiös sind.
Den Menschen gleich gestellte Fähigkeiten, wie fühlen, riechen,
hören oder sehen, nutzen den Tieren da wenig. Um an die Stufe
des Menschen heranreichen zu können, bräuchten sie schon Hände
und zwar solche, die sie falten könnten! Diese fromme Fähigkeit
besitzen aber nur die Menschen. So wird der Mensch, umgekehrt
betrachtet, niemals die unteren Stufen der Tiere erreichen. Auch
dann nicht, wenn er nicht sprechen, nicht hören, nicht sehen,
oder alles zusammen nicht kann. Auf einer Ebene begegnen sich
Mensch und Tier höchstens einmal in Zeichentrickfilmen oder in
anderen Produkten der Phantasie zur Unterhaltung der Kinder.
Apropos Kinder: Auch Kleinkinder, oder Neugeborene sind
keinesfalls schlechter gestellt als ihre Mütter und Väter,
obwohl ihr Denkvermögen im Vergleich zu bestimmten Tieren eher
bescheiden ausfällt. Auch in Glaubensangelegenheiten werden sie
sich nicht sonderlich von den Tieren unterscheiden.
Wie gesagt, so sehen das die meisten Menschen. Das erhebt sie
zum Maß aller Dinge, das ist auch der Stoff aus dem sie ihre
Schöpfungskrone gebastelt haben! Aber, wie wertvoll ist dieses
imaginäre Etwas wirklich? Lassen Sie sich zunächst einmal auf
eine kleine Reise entführen! Aber erschrecken Sie nicht, denn
auch hier handelt sich nur um ein Produkt der Phantasie:
Stellen Sie sich vor, der ganze Erdball würde von einer
unheimlichen Epidemie überzogen und die gesamte Menschheit würde
daran erblinden. Das, was die Menschen von den Tieren also nicht
unterscheidet, nämlich das Augenlicht, würde eines nach dem
anderen von diesem Virus erfasst und ausgelöscht. Schon nach
kurzer Zeit würde in sieben Milliarden Köpfen Chaos herrschen.
Mit knurrenden Mägen würden die Menschen auf den Straßen
umherirren. Kriechend, um nicht zu stolpern, oder sich an den
Häuserwänden entlang tastend, wären sie auf der Suche nach
Lebensmitteln. Die Menschen würden die Vorratslager finden und
sie würden sie plündern. Die Starken unter ihnen wären natürlich
im Vorteil. Auf ihrer weiteren Suche nach Essbarem würden sie
auch vor fremden Eigentum in fremden Wohnungen nicht
zurückschrecken. Vielleicht würde es ein paar Tage dauern,
vielleicht einige Wochen, aber nach und nach brächen die
Versorgungssysteme zusammen. Aus Steckdosen käme kein Strom, aus
Wasserhähnen kein Wasser mehr. Die Menschen müssten ihre
Notdurft dann im Freien verrichten. Um sich reinigen und sich
von den eigen Fäkalien befreien zu können, würden sie auf Regen
hoffen. Hoffen, nicht beten! Denn der Hunger würde die Religion
der Menschen längst aufgefressen haben. Diejenigen aber, die
jauchzend um sich fuchteln, wenn erste Regentropfen ihre Lumpen
benässen, die sie noch auf ihren stinkenden Körpern tragen,
würden nicht mehr denken und handeln wie das normalerweise
Menschen tun. So wie die alte materielle Welt in die Dunkelheit
verschwand, würde auch die alte geistige Welt verschwinden, nur
langsamer. Sie würde verzehrt werden von Leiden und Qualen, von
Verwesungsgerüchen und neuen Epidemien. Und irgendwann, so die
Endstation der kleinen Reise, stünde die ganze Schöpfung wieder
einmal ohne eine Krone da!
Womit wir wieder bei diesem fragwürdigen Begriff
»Schöpfungskrone« angelangt wären. Kaum bricht ein kleiner,
eigentlich unbedeutender Zacken heraus, fällt sie auch schon in
sich zusammen und mit ihr das ganze wackelige Throngestell und
Machtgefüge. Das ist die Geschichte! Aber ist sie wirklich nur
reine Phantasie? Nein, leider nicht ganz! Auch wenn es diesen
Virus nicht gibt, so mangelt es doch erheblich an gesunden
Sichtweisen. Manchmal fehlt es an Weitsicht, manchmal an
Vorsicht, oft an Rücksicht und Einsicht. So sind die Symptome
dieser Mangelerscheinungen denen der Phantasiegeschichte sehr
ähnlich. Sie reichen vom Plündern der Vorratskammern durch die
Starken, bis hin zu den Religionen deren Botschaften ebenfalls
aufgefressen wurden; aufgefressen vom »MachtEuchDieErdeUntertan«–
und Wachstumswahnsinn.
Sicher, die Erde ist kein Paradies. Aber muss sie denn gleich
als Schlachtfeld der Schöpfung um die Sonne kreisen? Oder als
riesiges Versuchslabor? Obwohl darin unsere Umweltsünden zu
stinken beginnen und sich auch immer wieder neue Seuchen auf den
Weg machen, schreitet bereits die ökonomisch viel versprechende
Genmanipulation immer schneller voran. Doch wie sagte schon
Schiller so trefflich: »Nichts führt zum Guten, was nicht
natürlich ist!« Welch eine Aussicht!
Verfasser: Roland Dunkel |