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Forschung an schmerzfreier Materie
Eine
erfreuliche Anzahl namhafter Forscher wendet sich durch die Erkenntnis einer
völlig unbefriedigenden Verwertbarkeit der Tierversuchsergebnisse und deren
Risiken für den Menschen in zunehmendem Maße neuen Methoden der Forschung an
schmerzfreier Materie zu. Ein solches
Umdenken,
auch in der Industrie, geschieht zwar nicht vorwiegend aus tierethischen
Gründen, sondern weil sich ernsthafte Wissenschaftler der Stagnation ihrer
Erfolgsaussichten und der Grenzen ihres bisherigen Vorgehens bewusst sind.
Der
tierexperimentelle Forschungsweg ist in Bezug auf die derzeit noch unheilbaren,
schwerwiegenden Krankheiten in eine Sackgasse geraten. Auf die zahlreichen,
wertvollen tierversuchsfreien Methoden, die Tierexperimente in der
Arzneimittel-Entwicklung, Toxizitätsprüfung, im Studium, in der Kosmetik etc.
überflüssig machen können, soll hier im letzten Kapitel "Forschung an
schmerzfreier Materie" ausführlich eingegangen werden.
Die Mitglieder der Vereinigung "Ärzte gegen Tierversuche" e.V. vermeiden ganz
bewusst die gebräuchlichen Begriffe "Alternativmethoden" oder "Ersatz- und
Ergänzungsmethoden". Diese Begriffe täuschen vor, dass der Tierversuch eine
brauchbare Forschungsmethode darstelle und man ihn lediglich aus
ethisch-moralischen Gründen alternativ ersetzen sollte. Die Kritiker der
tierexperimentellen Forschung bevorzugen Begriffe wie "Systeme
an schmerzfreier Materie",
um von vornherein der tierexperimentellen Vorgehensweise eine Absage zu
erteilen.
Auf die Frage, warum noch immer viele Forscher und Industriezweige ein Umdenken
blockieren, gibt Professor Zbinden von der Universität Zürich eine erstaunlich
ehrliche Antwort: "weil viele Wissenschaftler lieber mit der ihnen vertrauten
Methode des Tierversuchs arbeiten, als sich mit neuen Methoden herumzuschlagen".
Und die Industrie steht auf dem Standpunkt, dass ihr der Staat bei der
Anerkennung anderer Methoden nicht die gleichen
entlastenden Konsequenzen
zugesteht wie beim Tierversuch. Im Klartext heißt das: Bei Durchführung der
amtlich vorgeschriebenen Tierexperimente kommen in Schadensfällen keine Regresse
auf die Herstellerfirma zu.
Das sind die maßgebenden Gründe dafür, warum die
Validierung
(gesetzliche Anerkennung)
einer Vielzahl bereits zur Verfügung stehender In-vitro Systeme (im Reagenzglas
erforscht) so schleppend vorangeht. Die fadenscheinige Erklärung für diese
Taktik geht aus einer Bilanz aus Bonn hervor, in der es heißt: " Im Prinzip sind
alle entwickelten Alternativmethoden brauchbar, es fehlen jedoch die
Richtlinien, die ihren Einsatz legalisieren."
Die
Auflistung
der bisher wichtigsten tierversuchsfreien Tests erhebt keinen Anspruch auf
Vollständigkeit, da erfreulicherweise fast täglich in Fachjournalen weitere
Neuentwicklungen vorgestellt werden. Zu den wichtigsten
In-vitro-Systemen
zählen Zell- und Gewebekulturen. Zellen sind die kleinsten Bausteine eines
Organismus von Mensch, Tier und Pflanze. Heute lassen sich viele Arten von
Zellen des Körpers für die In-vitro-Forschung züchten.
Auf Computer- und didaktische (lehrhafte) Methoden, die im Begriff
In-vitro-System nicht enthalten sind, wird ebenfalls eingegangen.
Zell- und
Gewebekulturen:
Besonders
wertvoll sind die
Multisphäroid-Zellen.
Das sind dreidimensional wachsende Kugelzellen, die bereits die Funktion des
ausgebildeten Organs aufzeigen.
Herzmuskelzellen
kontrahieren sich regelmäßig und synchron, entsprechend der Herztätigkeit.
Künstliche Herzklappen werden mit humanen Herzzellen überzogen und werden somit
vom Immunsystem akzeptiert.
Leberzellen
vollziehen die gleichen Leistungen wie echte Leberzellen im kompletten Organ.
Somit können mit diesen Zellen Stoffwechselvorgänge untersucht werden.
Nierenzellen
zeigen Blutfluß und Filtrierung wie im intakten Organ. Mit ihrer Hilfe ist die
Entwicklung und Testung von wirksamen Nierenmedikamenten möglich.
Gehirnzellen,
z.B. aus klinisch notwendigen chirurgischen Eingriffen oder Tumoroperationen,
liefern Erkenntnisse über Wirksamkeit von Schlaf- und Beruhigungsmitteln, sowie
von krampfhemmenden Substanzen für die Epilepsietherapie.
Lungenzellen
dienen der Überprüfung von krebserzeugenden Stoffen (Nikotin, Umweltgifte) und
Medikamenten gegen Gefäßerkrankungen.
Muskelzellen geben Aufschluss über Muskelfunktionsstörungen.
Nervenzellen
ermöglichen z.B. den Nachweis von Tollwut, wofür früher verdächtiges Material
ins Gehirn von Nagern eingespritzt wurde.
Hautzellen
verwendet man zur Erzeugung künstlicher Haut, wie sie seit langem in
amerikanischen Spezialkliniken bei schweren Verbrennungsfällen
Anwendung findet. Ein Gerüst aus biologisch abbaubarem synthetischen Material
dient als stützende Unterlage für Haut- und Zellkulturen.
Magenzellen
dienen zur Entwicklung magenverträglicher und magenwirksamer Medikamente.
Blutzellen.
An ihnen lassen sich fiebererzeugende Substanzen testen.
Haarzellen.
An der Universität Tübingen (Dr. Zenner) misst man der Züchtung von Haarzellen
in der Schnecke des Innenohrs größte Bedeutung bei, da diese sowohl auf
chemische, als auch auf physikalische Reize reagieren (Hörgerätfunktionen).
Außerdem dienen sie der Erforschung von Kopfhauterkrankungen.
Knochen- und Knorpelzellen.
Auf Knochen- oder Korallengerüst werden gesunde Knochenzellen im Brutschrank
gezüchtet. Das Knochenkonstrukt des Freiburger Arztes Dr. Dirk Schäfer lebt,
wächst außerhalb des Körpers und bildet neue robuste Substanzen. Die neue
Forschungsbezeichnung Tissue Engineering bedeutet die Kunst, Organe und Gewebe
neu züchten. So bedeutet auch "Cell-Engineering" die Neubildung von Zellen, die
ihrerseits sogar Hormone ausscheiden. Kleine, so entwickelte Blutgefäße, ja
sogar eine Harnblase sind bereits verfügbar. Bei den Zellzüchtungen von
Professor Minuth, Anatom an der Universität Regensburg, ist es gelungen,
Knorpelzellen und Knochengewebe zu züchten, mit denen Organe wie Nasen und Ohren
nachgebildet werden können. Außerdem lassen sie sich zu Implantationen bei
Knorpelabsprengungen und Splitterbrüchen verwenden. Da die Zellen vom Patienten
selbst stammen, besteht auch keine Abstoßungsgefahr.
Zellen von Meeresalgen
erlauben Tests zur Prüfung von Herzklappen, künstlichen Gelenken und Kosmetika.
Hefetest
(Professor Koch, Österreich) Dies ist ein Toxizitätstest mittels Bäcker- und
Bierhefezellen bei Umweltchemikalien und Arzneimittelsubstanzen. Mit Einzellern
wird die akute Toxizität bestimmt. Ist eine Substanz toxisch, sterben die Zellen
sofort ab. Dieser Test ist einfach und billig und liefert schnelle Ergebnisse.
Zellkulturen aus Embryonalgewebe,
das nach Fehlgeburten zur Verfügung steht, dienen teratogenen (=Missbildungen
bewirkenden) Erkenntnissen.
Physio-Controll-Mikrosystem ohne Tierversuche nennt sich der an der Freiburger
Universität entwickelte
Krebszelltest.
Er ist das weltweit erste System, das die Reaktionen lebender Zellen auf
Medikamente mittels Sensoren testet, die entsprechende Signale der Zellen
auffangen und anzeigen. Ein Mikrochip, beladen mit bösartigen Tumorzellen,
bildet den Kernpunkt dieses Systems. Ein Chemotherapeutikum ( krebsbekämpfendes
Mittel) nach dem andern wird so lange zugefügt, bis feststeht, welches
Medikament in der Lage ist, die Krebszelle zu vernichten. Eine solche
individuell gezielte Anwendung eines Chemotherapeutikum war bis jetzt nicht
möglich.
Fazit: Alle diese eben genannten Erfolge widerlegen die immer wieder angeführte
Behauptung: "....aber eine Zelle hat keinen Herzschlag."
Verfasser: Dr. med Walter Schmidt |